Herwig Zamernik alias Fuzzman, © Hoscher
Herwig Zamernik alias Fuzzman, © Hoscher

Der Starrsinn hat sich durchgesetzt 

Herwig Zamernik, alias Fuzzman, F blickt – etwas – zurück

Retrospektiven sind oft zurückblickende Wohlfühlübungen. Nicht so bei Herwig Zamernik. „Ich bin ja kein nostalgischer Mensch“, sagt er gleich zu Beginn. Und doch zwingt ihn das neue „Best-Of“-Doppelalbum „Go Home“, aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Projektes Fuzzman, zu einer gewissen Geschichtsreflexion – über Jahrzehnte Musik, Politik, Familie und einen Weg, der immer schon klar war, auch wenn er es selbst lange nicht wusste. „Alles musste so kommen, wie es gekommen ist. Ich hätte nichts anders gemacht, selbst wenn ich es damals schon gewusst hätte!“, betont er im CONCERTO/Blind Rope +++A Videopodcast. Gewissensbisse? Fehlanzeige. Diese Konsequenz zieht sich durch sein gesamtes Schaffen. Erfolg definiert Zamernik nicht über Charts, sondern über Autonomie: „Erfolg bedeutet für mich heute, dass ich das Leben leben konnte, Kinder großgezogen habe und leidenschaftlich Musik machen kann. Geld spielte dabei keine Rolle.“ 

Der Ursprung dieses Lebens liegt weit weg vom bürgerlichen Plan. Mit 15 oder 16 riss er von zu Hause aus, landete im Proberaum des Disharmonic Orchestra in Klagenfurt und dachte keinen Moment an Alternativen. „Welcher 15- oder 16-Jährige macht sich darüber schon Gedanken?“ Die folgenden Grindcore- und Death-Metal-Jahre führten ihn in die frühe Nuclear-Blast-Szene, auf Tourneen mit Entombed oder in Stockholmer Studios zu Tomas Skogsberg. Was heute nach Legende klingt, war damals Alltag: Schlafsäcke, kleine Clubs, pure Energie. Karrieregedanken? „Überhaupt nicht.“ 

Es wuchs indessen auch ein „anderes“ Leben: Kinder, Verantwortung, Struktur. „Aufstehen, essen, Kinder in die Schule bringen“ war wichtiger als Szene-Romantik. In dieser Gleichzeitigkeit von Musik und Familie formte sich ein gewisser, „geradliniger, wenn auch nicht extrem straighter“ Alltag. „Neben“ dem Disharmonic Orchestra wurde die Kultband Naked Lunch, zu der er 1991 stieß, zum Gegenpol: Grunge, Indie und schließlich „die unrühmlichste Phase“ in Form von Mainstream-Ambitionen. Alles war Teil des Weges. 

„Fuzzman“ entstand ebenso als Ventil, Mitte der 1990er. Anfangs englisch, schrullig, Indie. Aber erst mit „Trust Me Fuckers“ (2012) und der Gründung von Lotterlabel – bei dem heute u. a. auch Voodoo Jürgens veröffentlicht – gemeinsam mit Mattias Euler-Rolle bekam das Projekt Schärfe und Reichweite. Der letztendliche Wechsel zur deutschen Sprache war dabei weniger Strategie als Notwendigkeit. „In Kärnten ‚wütete‘ damals das BZÖ, die Demokratie wurde untergraben, Demonstrationen fanden statt. Das Lied ‚Haltet Abstand‘ passte da zum Beispiel perfekt zu diesem Kontext. Deutsche Texte ermöglichen es mir, Dinge präziser auszudrücken. So entwickelte sich Fuzzman vom englischsprachigen Indie-Projekt zum deutschen Projekt, das klare politische und gesellschaftliche Aussagen trifft.“ Auch Fuzzman habe sich einfach ergeben. „Der Starrsinn hat sich durchgesetzt, und es ist so geworden, wie es werden musste.“ 

Herwig Zamernik alias Fuzzman, © Hoscher
Herwig Zamernik alias Fuzzman, © Hoscher

Haltung statt Nostalgie 

Nun also die Compilation „Go Home“. Die beeindruckende Werkschau startet mit „Steht auf steht auf“ unmissverständlich deutlich. „Es macht für mich total Sinn, mit einem antifaschistischen Lied zu beginnen.“ Haltung sei kein Kalkül, sondern Konsequenz. „Dass das nie Stadien füllen wird, war von Anfang an klar.“ Dafür würde Haltung etwas anderes hervorbringen: „Wenn man so will: eine Garantie dafür, dass etwas Gutes dabei herauskommt.“ Gesellschaftsanalyse und -kritik ist für Herwig Zamernik keine Pose, sondern Notwendigkeit. In Zeiten bröckelnder Grundfreiheiten spricht er von der „Freien Republik“ – die er zur Eröffnung der Wiener Festwochen 2024 als Thema erhielt und im zitierten Song „Steh auf steh auf“ zur Hymne werden ließ – als Aufgabe, nicht als Slogan. „Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie war es nie. In unserer Nachkriegsära, egal wie alt wir sind, war sie nie so gefährdet wie jetzt. Es war für uns selbstverständlich, dass Grundfreiheiten stabil sind und ausgebaut werden. Aber jetzt merken wir: Die Grundfesten, die wir für stabil hielten, beginnen zu zerbröckeln. Es geht nicht mehr darum, Freiheit auszubauen, sondern sie zu erhalten. Gegenwärtig sehen wir, dass Populisten und Rechte mit Ängsten spielen und Menschen emotional manipulieren. Dem müssen wir Diskussionsbereitschaft und Aufklärung entgegenstellen. Politik wird konsumiert wie Musik: Man hört einen ‚Hook‘ und summt mit. Deshalb müssen wir die Mehrheit wieder zurückgewinnen, die nicht radikal ist, und sie einbeziehen, statt sie zu verurteilen.“ 

Live-Konzerte können in der Musik diese verbindende Wirkung entfalten, ist Zamernik/Fuzzman überzeugt. Auch wenn Streaming und digitale Medien populär seien, bleibe doch die persönliche Erfahrung entscheidend. Und in der Szene würden sich auch junge Leute – wie seine drei Söhne – formieren, die sich bewusst gegen Mainstream stellen, ihre Musik auf Kassetten oder Bandcamp teilen und Live-Erlebnisse schätzen. „Das macht Hoffnung: Es gibt immer wieder diesen Willen, etwas aufzubauen und Widerstand zu leisten.“ Was bei ihm selbst als Nächstes kommen wird, wisse er nicht genau, betont Zamernik schmunzelnd. Aber dass es jedenfalls Haltung haben wird, das wiederum wissen wir sehr genau. 

Dado Hoscher-Maric / Dietmar Hoscher (The Double D-Dukes of Hazzard) 

CONCERTO/BLIND ROPE +++A VIDEO PODCAST 

concerto.life/Fuzzman

LIVE-TIPPS 

  • 02.05.: Wien: Stadtsaal: Fuzzman – Go Home Tour 2026 
  • 03.06.: Klagenfurt: Burghof Festival: Fuzzman – Go Home Tour 2026