
Jesse Welles
Wenn Kontrolle und Autorität fehlen
Ein junger Mann steht, nur mit akustischer Gitarre bewaffnet, irgendwo im amerikanischen Dickicht und singt mit rauer, prägnanter Stimme über allerlei Missstände. Er filmt seine Statements dabei selbst, so als wolle er niemanden mithineinziehen. Unwillkürlich sucht man auf der Gitarre die Aufschrift „This machine kills fascists“. Doch es ist – klarerweise – nicht Woody Guthrie, der mit spitzer – aber geschliffener – Feder den herrschenden Verhältnissen die Maske vom Gesicht reißt.
Jesse Welles heißt der junge Mann, und er begibt sich auf nicht ungefährliches Terrain. Den amerikanischen Präsidenten in aller Öffentlichkeit als „fugitive of American justice“ zu bezeichnen und der Nationalen Sicherheit vorzuwerfen, es ginge nur ums Öl („Venezuela“) – übrigens lange vor der „Operation“ der Delta Force in genanntem Land –, zeugt entweder von naiver Unbekümmertheit oder von gestähltem Rückgrat. Beim 33-jährigen Jesse Allen Breckenridge Wells aus Ozark, Arkansas, dürfte Letzteres zutreffen. Denn seine, seit zwei Jahren über die sozialen Kanäle verbreiteten, musikalischen Botschaften sind unmissverständliche Kommentare eines versiert beobachtenden Singer/Songwriters zur Lage der Nation (und darüber hinaus). In „Join ICE“ etwa heißt es sarkastisch: „take my advice / if you’re lacking control and authority / come with me and hunt down minorities / join ICE“, und in einem weiteren seiner Signature-Songs, den er u. a. bei Farm Aid zum Besten gab, vernimmt man die Zeilen: „war isn’t murder, there’s money at stake / even Kushner agrees it’s good real estate / war isn’t murder, ask Netanyahu / he’s got a song for that and a bomb for you…“ („War Isn’t Murder“). Die Konsequenz, mit welcher Welles den Weg über Social Media beschritt – zum Zeitpunkt der Drucklegung unseres Magazins standen etwa auf YouTube 668.000 Abonnenten und auf Insta 2 Millionen Follower zu Buche –, führte in seinem Falle zu einer enormen Mundpropaganda. Letztlich kamen auch andere Medien und Institutionen nicht mehr umhin, sich mit dem Musiker, der sowohl Joan Baez als auch John Fogerty zu seinen erklärten Fans zählt und mit ihnen live auf der Bühne stand, zu beschäftigen. Sein Auftritt in Stephen Colberts „The Late Show“ etwa, bei dem er „Join ICE“ über den Äther schickte, bescherte ihm weite Aufmerksamkeit, und für die Grammys 2026 ist er ganze vier Mal nominiert.
Vom Netz in den Mainstream
Dabei ist Jesse Welles kein Newcomer in der Musikszene. Mit elf Jahren griff er bereits zur Gitarre und schrieb Songs, stilistisch – bis heute – beeinflusst von Folk, Country, Rock, aber auch Grunge. Seine professionelle Karriere startete er unter den Pseudonymen Jeh Sea Wells bzw. Breck Shipley, seine Bands waren Dead Indian, Cosmic American und Welles. Auch hier konzentrierte er sich in erster Linie auf digitale Veröffentlichungen, beginnend mit der LP „Indian Summer“ (2013). Die beiden Vinylalben „Resist“ (2017) und „Red Trees and White Trashes“ (2018) werden inzwischen um Hunderte Dollar gehandelt.
2023 erfolgte allerdings eine entscheidende Neuausrichtung. Nachdem sein Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte, verstärkte Jesse Welles sein Bestreben, soziale, politische und gesellschaftliche Themen aufzugreifen und auf sich allein gestellt, mit virtuoser akustischer Gitarre, unter das Volk zu bringen. Dazu musste er indessen nicht mehr wie Woody Guthrie auf Güterzügen durchs Land reisen oder wie Bob Dylan durch die Cafés touren – YouTube und Co. boten sich willkommen an, um ein größeres Publikum zu erreichen. Seine eingangs geschilderten, regelmäßigen Videos mit aktuellen Bezügen ließen bald eine Art Serien-Feeling aufkommen, bei dem die Interessierten schon ungeduldig auf neue Folgen und Themen warteten. Und Welles liefert noch immer fleißig. Er analysiert messerscharf das Gesundheitssystem – „Cancer is as lucrative a business as a war / so if you ain’t expecting peace, then why expect a cure?“ („Cancer“) –, Armut – „If you worked a little harder / then you’d have a lot more / so, the blame and the shame’s on you / for being so damn poor“ („The Poor“) – oder zunehmend autoritäre Systeme – „no more dyin’ for the causes / no one asked for, no one needs / and no kings, no kings, no kings“ („No Kings“). Der kreative Output, den der Songwriter Welles dabei zutage bringt, beeindruckt sowohl vom Umfang als auch von der Qualität her. Er verliert sich nicht in mäandernden Metaphern, erhebt aber auch nicht den plakativen, moralischen Zeigefinger. Selbst schuld, wer seine Botschaft nicht auch so versteht.

Live zwischen Wucht und Witz
Jesse Welles ist darüber hinaus aber auch ein exzellenter, erfahrener Entertainer, der zu unterhalten weiß. Bei seinen längst in kürzester Zeit restlos ausverkauften Konzerten verstehen er und seine Band es mühelos, das Publikum bei Laune zu halten. In Kopenhagen etwa, wo ihn CONCERTO besuchte, kam er zunächst solo, mit Weihnachtsmannmütze, auf die Bühne und stimmte „Rudolph The Red-Nosed Reindeer“ an, um danach fast nahtlos in „Join ICE“ überzugehen. Mit Band wiederum spielt er sich druckvoll und dynamisch durch ein Repertoire nach dem Motto „Steve Earle meets Bob Dylan meets Hank Williams Jr. meets Townes Van Zandt and Warren Zevon“. Als Cover-Crowd-Pleaser gab es exzellente Versionen von Dylans „Don’t Think Twice“ und „Knocking On Heaven’s Door“, aber auch John Fogertys „Have You Ever Seen The Rain“. Mal sehen, was sich die Grammy-Jury so getraut!
Dietmar Hoscher
VINYL-TIPP
- Jesse Welles „Hells Welles“ (2024)
- Jesse Welles „Patchwork“ (2025)
- Jesse Welles „Pilgrim“ (2025)
- Jesse Welles „Middle“ (2025)
WEB-TIPP
Über concerto.life/jessewelles gelangt man direkt zum Vinyl-Shop von Jesse Welles. Dort sind diverse LP-Pressungen in unterschiedlichen Varianten gelistet, vielfach jedoch bereits ausverkauft oder nur in limitierten Auflagen erhältlich – ein deutlicher Hinweis auf die Relevanz und Nachfrage seiner physischen Veröffentlichungen.
