Sera Kalo / eX.II
Perfekte Demontage

Die 2025 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnete Sängerin, Musikerin und Songwriterin Sera Kalo wurde in Connecticut (USA) geboren, lebt aber schon viele Jahre in Deutschland, aktuell in Berlin. Mit ihrer neuen CD „Jazz Is Punk“ und ihrem sensationellen Projekt eX.II lässt sie eine schonungslose Stellungnahme hören, eine radikale Antwort auf Rassismus, elitäre Vorstellungen und glatte Grenzen des Formalismus.
Kalo integriert bei eX.II ein Trio an Musikern, das beeindruckend die konzeptionellen Grenzen des Jazz und weiterer Genres ausreizt und tradierte Erwartungen löscht: der Deutsche Marius Max (Tenorsaxophon, Elektronik) und die beiden US-Amerikaner Dylan Greene (Drums) und Nick Dunston (Kontrabass) haben exakt verinnerlicht, wie „mutig“ und riskant Sera Kalo mit ihrer Musik gegen institutionelle und politische Machenschaften vorgeht. Kalo begibt sich mit ihren Kompositionen und ihrer Performance in den tiefsten Underground. Die Musik von eX.II ist ein rohes, ungezähmtes und sehr oft chaotisches Debüt, das live wie eine Force majeure über das Publikum hereinbrechen wird.
Ein Abriss des Gefälligen
Kalo inszeniert ihre Musik als eine Störung, eine Disruption des akademisch glatten, snobistischen Jazz; sie mixt einen erdigen Groove mit total freien Improvisationen; Noise-Attacken sind nichts anderes als Hilfsmittel, um trotzige Auflehnung und Befreiung von schulmeisterhaften Strukturen zu inszenieren. Es kommt einfach alles: Jazz, Punk, Soul, Free Jazz, experimenteller Hip-Hop und eine Poesie, die die Herrschergesellschaft vorführt. Meist teilt sich die Künstlerin in den Songs durch Spoken Words mit, die u. a. von Persönlichkeiten erzählen, die Sera Kalo mit karibisch-dominikanischem Elternhaus verehrt: „This Ain’t New“ ist ein Tribute an Leontyne Price (geb. 1927), der ersten schwarzen Diva in der US-Opernszene, übrigens entfernt verwandt mit der Familie von Whitney Houston. „Afeni – A Tribute to Afeni Shakur“, eine glühende Bürgerrechtsaktivistin und Mitglied der Black-Panther-Bewegung, die erst 2016 verstarb. „The Ripples of Her Melody. A Tribute to Nina Simone“, also alles farbige Menschen, die es wahrlich nicht leicht in den „weißen“ USA hatten (und haben). Drei Titel heißen „Perfectly Dismantled“ und sind konträr zu Beschönigungen konnotiert. Kalo legt keinen Wert darauf, irgendjemandem mit ihrer Musik zu gefallen. Ihr punkiges Credo ist es, Erschöpfung, Überleben, Verletzlichkeit und Widersprüche durch spirituelle Suche aufzuspüren. Ihr Album ist in mannigfaltiger Weise extrem. Extrem gut.
ewei
CD-TIPP
- eX.II, „Jazz Is Punk“, Unit Records, Vertrieb: Membran
WEB-TIPP
LIVE-TIPPS
- 31.01.2026, Halle 424, Hamburg (DE)

