Zehn Jahre nach der Gründung eine eingespielte Working-Band mit klarer kollektiver Handschrift. © Mazarova

SHAKE STEW – TEN ONE TWO
Jubiläum ohne Rückspiegel

Zehn Jahre sind im Jazz keine Selbstverständlichkeit. Für viele Bands ist diese Marke ein Moment des Sortierens: Was hat funktioniert, was bleibt, was war nur Phase? Bei Shake Stew wirkt das Zehnjährige hingegen wie ein neues Anlaufen. Nicht als Bilanz, sondern als Beschleunigung.
Ihr neues Doppelalbum „TEN ONE TWO“ erscheint am 13.02.2026 auf Traumton – und ist zugleich der Auftakt einer dreiteiligen Veröffentlichung über das Jahr 2026 hinweg.

Dass diese Band längst ein Fixstern der mitteleuropäischen Szene ist, muss man hier niemandem erklären. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie konsequent sich Shake Stew in den letzten Jahren aus der Kategorie „spannendes Projekt“ herausgeschält haben: Die ZEIT nannte sie „Österreichs Jazzband der Stunde“, der NDR sprach früh von einer Kultband, dazu kamen der Amadeus Austrian Music Award 2023 und der Deutsche Jazzpreis 2021 (Band des Jahres international). All das ist schön fürs Regal – entscheidender ist aber, was dahinter steckt: Shake Stew sind zur Working-Band geworden, ständig unterwegs, ständig in Bewegung, ständig im Austausch mit Räumen, Publika, Situationen.

„Wie vieles, was die Band betrifft, hat sich das eigentlich ganz organisch ergeben“, sagt Bandleader und Bassist Lukas Kranzelbinder. „Dass wir zum Zehnjährigen etwas Besonderes machen, stand nie wirklich in Frage. Aber nicht als zurückschauendes Best-of, sondern als Versuch, möglichst viele Facetten dessen abzubilden, was Shake Stew heute ausmacht.“

Dieses „heute“ ist der Kern. „TEN ONE TWO“ will nicht feiern, was war. Es will hörbar machen, was gerade passiert – und was sich in den letzten Jahren aufgebaut hat.

Altsaxophonistin und neue klangliche Stimme im aktuellen line-up von Shake Stew: Yvonne Moriel

Aufbruch statt Bilanz

Wenn Kranzelbinder sagt, es fühle sich manchmal so an, als würde die Band „gerade erst beginnen“, dann klingt das im ersten Moment paradox. Schließlich ist Shake Stew längst angekommen – international, im Tourkalender, im Gespräch. Doch im Interview zeigt sich schnell: Gemeint ist kein Neuanfang aus dem Nichts, sondern ein Zustand, in dem Erfahrung plötzlich nicht mehr bremsend wirkt, sondern befreiend.

„Auch wenn ich mir bewusst bin, wie unglaublich die Entwicklung war, fühlt es sich gerade wirklich nach Aufbruch an“, sagt er. „Vielleicht liegt das auch daran, dass wir als Working-Band zehn Jahre lang quasi ohne Pause auf Tour sind. Man merkt, wie sehr sich das Zusammenspiel verändert, wie viel schneller man Dinge versteht – und wie viele Ideen plötzlich möglich werden.“

Genau dieses Wachstum ist der Ausgangspunkt von „TEN ONE TWO“. Die Materiallage war schlicht zu groß, um sie in eine einzige Veröffentlichung zu pressen. Und es war auch zu vielschichtig, um es „zurück auf Albumformat“ zu stutzen. Kranzelbinder beschreibt das sehr plastisch: „Während den vielen Live-Konzerten der letzten Jahre haben wir immer wieder Momente erlebt, in denen ein Stück komplett abdriftet – weg von der ursprünglichen Idee, hinein in etwas Neues. Für mich sind diese Momente enorm wichtig.“

Solche Augenblicke sind live oft der Punkt, an dem das Publikum spürt: Jetzt passiert etwas, das nicht wiederholbar ist. Genau diese Qualität wollte Shake Stew nicht mehr nur als Nebengeräusch dokumentieren, sondern zum Konzept machen.

Komposition als offener Rahmen – TEN ONE

Der erste Teil des Doppelalbums, „TEN ONE“, besteht aus neuen Kompositionen von Kranzelbinder. Wer dabei an „fertige Stücke“ denkt, liegt schon im Ansatz falsch. Bei Shake Stew sind Kompositionen eher Gerüste: Figuren, Impulse, rhythmische Anordnungen, manchmal ein harmonisches Feld – Ausgangspunkte, keine Endpunkte. Und genau da hat sich Kranzelbinders Blick in den letzten Jahren verändert. Ihn interessiere, wie offen ein Stück bleiben könne, ohne seine Identität zu verlieren – ein Gedanke, den er selbst als Teil eines musikalischen Entwicklungsprozesses versteht. Das Wort „natürlich“ klingt dabei harmlos, ist aber in Wahrheit eine ästhetische Entscheidung: Shake Stew machen Musik, die extrem körperlich wirkt, aber aus einem hochsensiblen Handwerk entsteht. Diese Band ist nicht „nur“ Groove, nicht „nur“ Trance, nicht „nur“ Energie. Sie ist ein fein austariertes Gleichgewicht aus Wiederholung, Reibung und Aufmerksamkeit.

Denn das berühmte Setup – zwei Bässe, zwei Drums, drei Horns – ist kein Markenzeichen, weil es spektakulär aussieht. Es ist Markenzeichen, weil es das Innenleben der Musik verändert: Der Groove ist nicht „ein Motor“, sondern zwei Motoren, die sich gegenseitig schieben, ziehen, minimal gegeneinander arbeiten. Das erzeugt diese typische Shake-Stew-Spannung: Der Puls ist da, aber er ist nie statisch. Darüber legen Trompete und Saxophone Linien, die mal wie Signale wirken, mal wie ein gemeinsames Atmen, mal wie scharfe Schnitte durch die Textur. Aus dieser Kombination entsteht ein Sound, der gleichzeitig unmittelbar und komplex ist – und genau dafür ist „TEN ONE“ gebaut.

Kranzelbinder sagt dazu an anderer Stelle sinngemäß: Das Ziel sei, die kollektive Energie in den Mittelpunkt zu stellen – und das bedeutet auch, nicht permanent „solistisch“ zu denken, sondern als Gruppe. Diese Haltung hört man in „TEN ONE“ nicht als Verzicht, sondern als Strukturprinzip: Einzelstimmen tauchen auf, aber sie sind selten „Stars“, sondern Teil einer größeren Bewegung.

Neue Farbe: Yvonne Moriel

„TEN ONE“ ist zugleich das erste Album mit der Altsaxophonistin Yvonne Moriel. Ihr Einstieg ist nicht als Austausch, sondern als Erweiterung zu hören: eine neue Stimme, die den Klangkörper verändert, weil sie anders phrasiert, anders artikuliert, anders in die Musik hinein atmet. Kranzelbinder wird hier sehr konkret: „Yvonne ist eine unglaubliche Saxofonistin, die sich mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Sound und ihrem Zugang sofort integriert hat. Man hört ihre persönliche Note, und das war uns wichtig. Sie bringt eine eigene Welt mit, und genau das macht das Ganze reicher.“

Sinnbildlich dafür steht der Beginn von „Wood“: Der Dialog der beiden Saxofone entsteht frei improvisiert, Yvonne steigt ein, Johnny kommt dazu – beide mit diesem auffallend weichen, nahen Sound, der sofort trägt. Es ist kein Hervortreten, kein Effekt, sondern ein gemeinsames Finden. Genau darin liegt die Aussage: Neue Stimmen müssen bei Shake Stew nicht eingepasst werden, sie entstehen im Zusammenspiel. Dass dieser Moment so selbstverständlich wirkt, erzählt viel über das Selbstverständnis der Band – und darüber, wie Veränderung hier nicht als Bruch, sondern als Erweiterung gedacht ist.

Das Studio als Labor


So sehr „TEN ONE“ das kompositorische Gerüst betont, so radikal dreht „TEN TWO“ den Blick. Hier geht es um jene Seite von Shake Stew, die live oft passiert und auf Tonträgern bisher nur punktuell festgehalten wurde: das Abdriften, das Öffnen, das Entstehen im Moment. Der Schlüssel lag, so Kranzelbinder, in einer Studio-Arbeitsweise, die bewusst zwischen Tag und Nacht unterscheidet. „Was wir zum ersten Mal wirklich ausgenutzt haben, ist die Arbeit im Studio über längere Zeit“, erklärt er. „Tagsüber haben wir an Songs gearbeitet, teilweise auch in getrennten Räumen, sehr fokussiert, sehr handwerklich.“ Und dann der bewusste Bruch: „Am Abend haben wir alles geöffnet: keine strikten Vorgaben, eher ein gemeinsames Hineingehen in einen Zustand.“

Dazu kamen immer wieder Duo- und Trio-Sessions – nicht als Bonusmaterial, sondern als Teil der Idee. Der Gedanke dahinter ist bestechend: Wenn Shake Stew live am stärksten sind, dann dort, wo die Musik sich „vom Plan löst“, ohne beliebig zu werden. Genau diesen Zustand muss man im Studio nicht simulieren, sondern ermöglichen. Kranzelbinder beschreibt das als Risiko, das man aktiv sucht: „Diese Momente sind enorm wichtig. Wenn ein Stück abdriftet, entsteht oft etwas, das man nie planen würde. Aber dafür muss man bereit sein, Kontrolle abzugeben – und gleichzeitig so aufmerksam zu bleiben, dass es nicht beliebig wird.“

Der Satz ist fast eine kleine Anleitung, wie Shake Stew denken: Freiheit ja – aber nicht als Romantik, sondern als Disziplin. Offenheit ist kein „wir machen einfach“, sondern ein Zustand, in dem alle extrem wach sein müssen. Das erklärt auch, warum „TEN TWO“ nicht wie ein loses Appendix wirkt. Es ist ein eigenständiger Teil, der dem Projekt eine zweite Perspektive gibt: Dort die Set-Logik neuer Stücke („TEN ONE“), hier das Dokument des gemeinsamen Risikos („TEN TWO“).

Bassist und Bandleader, prägend für Konzept und Entwicklung von Shake Stew: Lukas Kranzelbinder

Album „TEN ONE TWO“

Hier ist der Punkt, an dem man die Theorie kurz beiseitelegt und fragt: Wie klingt das Ganze? Die Antwort ist: Shake Stew sind sofort erkennbar – und gleichzeitig wirkt „TEN ONE TWO“ breiter, farbiger, mutiger.
Zu ihrem zehnjährigen Bestehen haben sich Shake Stew nicht nur nachdrücklich in Erinnerung gerufen – sie legen nach. „TEN ONE TWO“ packt vieles zusammen, was diese Band seit Jahren auszeichnet: die physische Wucht der Doppelrhythmik, die Sogwirkung wiederholter Figuren, die präzise gesetzten Bläserakzente. Aber es bleibt nicht bei der bekannten Maschine. Der Sound ist erweitert, die Texturen sind reichhaltiger, die Dramaturgie der Stücke wirkt oft wie ein bewusstes Austesten: Wie lange kann man Spannung halten, ohne sie aufzulösen? Wann kippt Wiederholung in Trance? Und wann kippt Trance in eine Art kontrollierte Ekstase?

Schon der Einstieg macht klar: Hier wird nicht erklärt, hier wird gespielt. Man ist als Hörer vom ersten Moment an in einer Bewegung, die sich nicht entschuldigt. Die Basslinien schichten sich, die Drums treiben – manchmal wie zwei Motoren, die gegeneinander arbeiten und genau dadurch Schub erzeugen. Darüber setzen Trompete, Tenorsaxophon und Altsaxophon Linien, die mal wie Parolen wirken, mal wie Beschwörungen, mal wie ein kurzer Schnitt durchs Gewebe.

„Wood“ ist auch klanglich ein Türöffner: Der improvisierte Beginn zeigt sofort, dass Shake Stew nicht nur als Groove-Kollektiv agieren, sondern als offener Klangkörper denken. Stücktitel wie „Tristan Junk“ stehen dabei weniger für Programmatik als für Haltung. Wenn mit JJ Whitefield ein Gast an der E-Gitarre hinzukommt, wirkt das nicht wie Beiwerk, sondern als organische Erweiterung. Die Handschrift bleibt – der Raum wird größer.

Der reizvollste Moment von „TEN ONE TWO“ ist vielleicht der Wechsel zwischen den beiden Albumteilen. „TEN ONE“ hat die Logik eines Sets: Stücke, die aus Kompositionskernen wachsen. „TEN TWO“ öffnet jene Räume, in denen Shake Stew am meisten sie selbst sind: dort, wo sich die Musik im Moment entscheidet, wo Duo- oder Trio-Gedanken wie kurze Lichtkegel auftauchen und wieder verschwinden – und wo man plötzlich merkt, wie stark diese Band auch leise sein kann, ohne an Spannung zu verlieren.

Vertrauen als Fundament


Wenn man eine Band so offen arbeiten lässt, stellt sich automatisch die Frage: Was hält das zusammen? Für Kranzelbinder ist die Antwort eindeutig – Vertrauen. Und er meint damit nicht nur Sympathie oder „wir verstehen uns gut“, sondern eine konkrete musikalische Voraussetzung „Vertrauen ist einer der wichtigsten Faktoren, um frei Musik machen zu können“, sagt er. „Wenn man bereit ist, sein innerstes musikalisches Ich zu zeigen, dann können wirklich magische Dinge entstehen. Dafür braucht es aber eine gemeinsame Basis.“

Das Entscheidende ist: Diese Basis entsteht nicht durch große Worte, sondern durch Zeit. Shake Stew funktionieren nicht als Projekt, das sich sporadisch trifft. Sie funktionieren, weil sie sich kennen – im Klang, in der Körpersprache, in den Reaktionen. Kranzelbinder beschreibt das als Fähigkeit, im richtigen Moment zurückzutreten, damit etwas Größeres entstehen kann. Und genau das ist bei einer Band mit so viel Energie die schwierigste Disziplin: nicht immer „mehr“ zu wollen, sondern das Mehr zu ermöglichen, indem man Platz lässt. Dieses Vertrauen ist die stille Maschine hinter allem, was „TEN ONE TWO“ so geschlossen wirken lässt – selbst dort, wo es offen ist.

TEN THREE und das Jahr 2026

„TEN ONE TWO“ ist erst der Anfang.
„TEN THREE ist bereits in Produktion und wird voraussichtlich Ende des Jahres erscheinen“, bestätigt Kranzelbinder. „Die Details dazu spare ich mir noch ein bisschen auf.“ Allein dieser Satz zeigt, dass die Trilogie nicht als Marketingidee gedacht ist, sondern als Prozess: Teil drei entsteht nicht am Reißbrett, sondern aus dem, was Teil eins und zwei freisetzen. Dass sich Shake Stew diesen Raum nehmen, passt zu einer Band, die lieber Musik entwickeln lässt, als sie zu „erklären“.

Dazwischen steht die Bühne. Ab Februar 2026 geht Shake Stew wieder auf Tour. Fix ist unter anderem ein Termin im Wiener Porgy & Bess (Live & Stream), dazu weitere Stationen in Österreich und Deutschland.

Wer das neue Material in Bewegung erleben will, sollte sich diese Abende vormerken – und am besten regelmäßig die aktuellen Termine auf der Bandseite checken, weil sich bei einer Working-Band wie Shake Stew naturgemäß auch kurzfristig Dinge verschieben können.

Text & Interview: Herbert Höpfl · Albumteil: Wolfgang Suschnig

CD/VINYL-TIPP

  • Shake Stew: „TEN ONE TWO“ (Traumton),
    2CD / 2LP / digital, VÖ 13.02.2026.

LIVE-TIPPS 

  • 12.02.: Dresden: Jazzclub Tonne
  • 13.02.: Berlin: Gretchen
  • 17.02.: Wien: Porgy & Bess (ausverkauft)
  • 18.02.: Salzburg: Jazzit
  • 19.02.: Götzis: Jazz am Bach
  • 20.02.: Innsbruck: Treibhaus
  • 21.02.: Gallneukirchen: Altes Hallenbad
  • 07.03.: Helsinki: Savoy Jazz Festival
  • 17.04.: Graz: Dom im Berg26 

Besetzung (Album/Tour)

  • Lukas Kranzelbinder: Bass, Gimbri, Bandleader
  • Yvonne Moriel: Altsaxophon
  • Mario Rom: Trompete
  • Johannes Schleiermacher: Tenorsaxophon, Flöte
  • Oliver Potratz: Bass
  • Nikolaus Dolp: Drums, Percussion
  • Herbert Pirker: Drums, Percussion

WEB-TIPP