MARTIN LISTABARTH –
und die Kunst, Geschichten am Klavier zu erzählen

Eine Frau steht nachts in der Wüste. Mondlicht liegt wie Staub über dem Sand, der Wind ist kaum zu hören, jeder Schritt klingt fremd im eigenen Ohr. Zweifel mischen sich mit Entschlossenheit. Es ist einer jener Momente, in denen eine Entscheidung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Fast zweihundert Jahre später sitzt ein Pianist in Wien am Flügel und versucht, genau diesen Moment hörbar zu machen. Nicht als Illustration einer historischen Szene, nicht als klangliches Historienbild, sondern als gegenwärtige Erfahrung. „Echoes In The Dust“ heißt das Stück, das daraus entstanden ist. Es ist Teil des Albums „In Her Footsteps“, das vor kurzem erschienen ist und einen weiteren Schritt in der künstlerischen Entwicklung von Martin Listabarth markiert.
Der Wiener Pianist hat sich in den vergangenen Jahren als eigenständige Stimme im österreichischen Jazz etabliert. Klassische Ausbildung, später Jazzstudium, internationale Tourneen, Solo- und Trio-Veröffentlichungen – das ließe sich nüchtern aufzählen. Doch bei Listabarth greift eine rein biografische Beschreibung zu kurz. Er versteht Musik nicht als Demonstration technischer Fähigkeiten, sondern als Form des Erzählens. „Seit ich in meinen Teenagerjahren die Musik von Songwritern wie Nick Drake und Elliott Smith entdeckt habe, fasziniert mich diese Unmittelbarkeit guter Songs“, sagt er. Gute Musik berühre unmittelbar, ohne Umwege. Reine Virtuosität sei für ihn eine relativ uninteressante Kategorie. Entscheidend sei nicht, wie schnell oder komplex jemand spiele, sondern ob ein Stück eine innere Bewegung auslöst.

Musik als Erzählraum
Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch sein bisheriges Werk. Bereits die Titel seiner Alben verraten eine Nähe zur Narration: „Short Stories“, „Postcards“, nun „In Her Footsteps“. Listabarth denkt in Kapiteln, Bildern und Spannungsbögen. Er lässt sich von Literatur, Film und Fotografie inspirieren und überträgt deren Perspektiven in musikalische Strukturen. Ein Song kann wie eine Szene gebaut sein, ein Album wie ein Buch, in dem einzelne Motive wiederkehren und sich verändern. „Manchmal kommen interessantere Lösungen heraus, wenn ich nicht nur über Akkordverbindungen oder rhythmische Strukturen nachdenke“, sagt er. Das bedeutet nicht, dass Harmonik oder Rhythmik zweitrangig wären – im Gegenteil. Doch sie stehen im Dienst einer größeren Erzählidee.
Gerade im Jazz, der oft mit Improvisation und Momenthaftigkeit assoziiert wird, ist diese langfristige Dramaturgie keine Selbstverständlichkeit. Ein Konzeptalbum verlangt andere Entscheidungen als eine lose Sammlung von Stücken. Übergänge werden bewusst gestaltet, Spannungsbögen geplant, thematische Linien durchgehalten. Das erfordert nicht nur kompositorische Präzision, sondern auch Vertrauen in die Aufmerksamkeit des Publikums. Listabarth setzt darauf, dass Zuhörerinnen und Zuhörer bereit sind, sich auf diese Form des Hörens einzulassen – nicht fragmentarisch, sondern im Zusammenhang.
Im Zentrum des neuen Albums steht die Wiener Weltreisende Ida Pfeiffer (1797–1858), die im 19. Jahrhundert zweimal allein den Globus umrundete – zu einer Zeit, in der Frauen gesellschaftlich enge Grenzen gesetzt waren. Was Listabarth an ihr interessiert, ist weniger der historische Mythos als ihre innere Haltung: „Ihre Sturheit und ihr Durchhaltevermögen. Sie hat sich etwas in den Kopf gesetzt, was völlig undenkbar war.“ Dazu kommt ihr Humor, ihr trockener Wiener Schmäh, selbst unter schwierigsten Bedingungen. Pfeiffer erscheint hier nicht als Denkmal, sondern als Mensch mit Zweifel, Mut und Konsequenz. Ihre Reisen waren bewusste Entscheidungen für Selbstbestimmung. Sie wartete nicht auf Erlaubnis oder Absicherung, sondern handelte aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Freiheit war für sie kein abstrakter Begriff, sondern eine praktische Haltung – umgesetzt Schritt für Schritt, gegen die Erwartungen ihrer Umgebung.
Gerade darin liegt ihre heutige Relevanz. Auch heute ist künstlerische Arbeit stark von Marktbedingungen und begrenzten Auftrittsmöglichkeiten geprägt. Programme müssen kalkulierbar sein, Produktionen finanzierbar, Veröffentlichungen sichtbar. Wer in diesem Umfeld ein durchkomponiertes Konzeptalbum realisiert, wer motivische Bezüge über neun Stücke hinweg entwickelt und das Album als geschlossenen Erzählraum denkt, entscheidet sich bewusst gegen die Logik einzelner, schnell konsumierbarer Tracks. Das bedeutet nicht Widerstand im dramatischen Sinn, aber es ist eine Haltung. „In Her Footsteps“ wirkt dadurch weniger wie ein historisches Porträt als wie eine künstlerische Positionsbestimmung: nicht Anpassung an das Erwartbare, sondern Vertrauen in eine eigene Idee.
Das Trio als Labor

Dass dieses Konzept im Trio realisiert wird, ist kein Zufall. Nach „Postcards“ wollte Listabarth den Weg der kleinen Besetzung weiter erforschen und vertiefen. Mit Gidi Kalchhauser am Kontrabass und Sebastian Simsa am Schlagzeug hat er zwei Musiker an seiner Seite, die seine klangliche Vision teilen. Die Kompositionen bringt er ausgearbeitet in die Proben, mit klarer Vorstellung von Klang und Dramaturgie. Doch das Trio funktioniert nicht als reine Umsetzung, sondern als offener Dialograum. Kalchhauser und Simsa bringen eigene Ideen ein, verändern Akzente, verschieben Dynamiken, hinterfragen Übergänge.
Gerade in der Reduktion liegt die Stärke dieser Formation. Ein Trio bietet keine orchestrale Ausweichfläche, jede Entscheidung ist hörbar. Rollenverteilungen werden bewusst gestaltet, Klangfarben gezielt eingesetzt. Listabarth spricht von kleinen „Ostereiern“ – motivischen Querverbindungen, die sich erst beim genauen Hinhören erschließen. Themen tauchen in veränderter Form wieder auf, rhythmische Figuren spiegeln sich, harmonische Wendungen kehren wieder und verändern dabei ihren Charakter. Das Album gewinnt dadurch eine innere Geschlossenheit, die über eine bloße Abfolge einzelner Stücke hinausgeht.
Zugleich bleibt Raum für Leichtigkeit. Das Trio vermeidet klangliche Schwere, selbst wenn die Themen ernst sind. Zwischen lyrischen Passagen und energetischen Ausbrüchen entsteht eine Dramaturgie, die Spannung aufbaut, ohne ins Monumentale zu kippen. Die Stücke haben sich bereits im Laufe der Proben und ersten Konzerte weiterentwickelt. Live klingen sie teilweise anders als bei der Aufnahme im Wavegarden Studio in Mitterretzbach im Juni 2025. Das Material bleibt in Bewegung.
Reisen – reale und innere
In den letzten Jahren war Martin Listabarth viel unterwegs. Im Rahmen des NASOM-Programms spielte er Konzerte in Japan, Peru, Chile, Ägypten, Äthiopien, Kenia, in den USA und in Kanada. Besonders wichtig waren für ihn längere Aufenthalte in Kairo und Alexandria. Dort traf er Musiker, führte viele Gespräche und spielte unter anderem mit einem Ensemble aus dem Sudan. „Wenn man länger an einem Ort bleibt, hört man anders zu“, sagt Martin Listabarth. „Man merkt, wie unterschiedlich Menschen Musik verstehen und wie viel man selbst dabei lernt.“ Diese Erfahrungen haben seine Musik geprägt. In den neuen Stücken spürt man Weite, Bewegung und neue Eindrücke. Begegnungen und das Unterwegssein haben Spuren hinterlassen. Ruhige Momente wechseln mit kraftvollen Passagen. Es geht um Mut, Neugier und Neuanfang. So bekommt das Album eine eigene Energie, die sehr gegenwärtig wirkt.
Das Album im Fokus

CONCERTO-Autor Ernst Weiss über „In Her Footsteps“
Martin Listabarth veröffentlicht mit „In Her Footsteps“ ein Album von spektakulärer Tiefe und geradezu unermesslicher Empathie. Ohne ein Wort zu sprechen, erzählt er musikalisch von einem Menschen, der zeitlebens Außergewöhnliches leistete und nie aufgab: Die in Wien geborene Ida Pfeiffer (1797–1858) realisierte ihre Träume erst im Alter von 45 Jahren – erst als ihre beiden Söhne beruflich Fuß gefasst hatten. Sie machte zwei Weltreisen, daneben besuchte sie einige nordische Länder sowie Mauritius, Madagaskar, Palästina und Ägypten. Dies alles erzählt einem der brillante Pianist mit seiner Band (Gidi Kalchhauser, kb, und Sebastian Simsa, dr) in 9 Songs, die die Gefühle, Befindlichkeiten, Ängste und Hoffnungen Idas spiegeln. Nachzulesen sind die Reisen in 13 Büchern einer Frau, die von einer unstillbaren Reisesehnsucht geprägt war, an Fernweh litt und mit immensem Mut Grenzen überwand. Listabarth verbindet auf dem Album poetisches Storytelling mit energetischen Improvisationen am Klavier.
„The Call Of The Unknown“ erzählt vom Entschluss Idas, sich auf Abenteuer einzulassen. Immer wieder plagen sie Zweifel und Unsicherheiten. Als ihre Entscheidung gefallen ist, nach Triest ans Meer zu fahren und ein Schiff nach Palästina zu betreten, spielt Listabarth exzellente Läufe in rasendem Tempo am Piano. „Invisible Walls“ gibt die Skepsis und das komplette Unverständnis der Mitmenschen wieder; vor allem deshalb, weil Ida eine Frau ist. Im italienischen Triest riecht Pfeiffer erstmals das Meer: „Salt Air And Wanderlust“. Sie ist am Ziel ihrer Träume, was die Band lyrisch und ruhig erspielt.
„The River Knows“ schildert Idas Emotionen, als sie ein Donauschiff benutzt, um Richtung Schwarzes Meer zu gelangen, um Konstantinopel, Beirut, Jerusalem, Damaskus, Alexandria und Kairo zu besuchen. Die Donau ist die Vertraute Pfeiffers und weiß von ihren Ängsten, Hoffnungen und auch ihrer tapferen Entschlossenheit. In langsamem Tempo lässt die Band behutsam Pfeiffers Befürchtungen schwinden. Umso ausgelassener und dramatischer ist die Komposition „Fake It Till You Make It“: Ida sitzt zum ersten Mal auf einem Pferd, sie ist mit einer wilden Reitergruppe unterwegs. Furcht und Staunen beschreibt der Song „Echoes In The Dust“, als die Reisende in einer unheimlich mondhellen Nacht in der Wüste unterwegs ist.
Das unglaubliche Durchsetzungsvermögen Idas beschreibt Listabarth mit „Quick Shift“. Mit beeindruckenden Improvisationen und mehreren Tempowechseln reflektiert der Pianist auch, wie flexibel Ida ist, da sie immer problemlos Kurse und Pläne ändert, wenn sie günstigere Optionen wahrnimmt. „Red Island“ zeichnet musikalisch die Insel Madagaskar, auf der Schönheit, Gefahr und Unbekanntes nebeneinanderliegen. Der Finalsong „Until The End“ würdigt den ungebrochenen Geist Pfeiffers, die im Sterben liegt. Bis zuletzt schmiedet sie Pläne, träumt von Australien. Das Echo von Hoffnung, Mut und Sehnsucht ist bis zuletzt in ihr. Auf dem Wiener Zentralfriedhof gibt es eine Ehrengrabstätte einer der wohl bedeutendsten weiblichen Weltreisenden.
Ausblick
Mit „In Her Footsteps“ setzt Martin Listabarth einen weiteren konzeptionellen Schritt. Das Album erscheint beim deutschen Label O-Tone Music/Edelkultur und wird von einer Tour begleitet, die ab April 2026 Station in Dresden, Schwaz, Tamsweg, Lahr, Seekirchen, Gleiszellen und Hainfeld macht. Für den Pianisten ist das mehr als reine Konzertplanung. „Geografisch gesehen würde ich mich freuen, öfter in Deutschland zu spielen“, sagt er. In einem größeren Markt eröffnen sich neue Spielräume, neue Kooperationen, neue Publikumsschichten.
Musikalisch denkt er bereits weiter. Kooperationen mit anderen Kunstsparten – Visuals, Film, interdisziplinäre Projekte – sind denkbar. Dass er das narrative Element seiner Arbeit weiter ausbauen möchte, ist deutlich. „In Her Footsteps“ ist daher kein Abschluss, sondern ein Zwischenschritt. Die Reise geht weiter – nicht nur geografisch, sondern als künstlerische Haltung.
Text: Leo Freytag /Ernst Weiss
Aktuelles Album:
Martin Listabarth Trio „In Her Footsteps“, O-Tone Music, Vertrieb: Edelkultur (2026, CD & digital)
Weitere Album-Tipps:
Martin Listabarth Solo:
„Short Stories“, Listabarth Records (2019, CD)
„Dedicated“, Listabarth Records (2022, CD & Vinyl)
Martin Listabarth Trio:
„Postcards“, Listabarth Records (2023, CD & Vinyl)
„Live in Vienna“, Listabarth Records (2025, CD) – Live-Album, aufgenommen im Wiener Jazzclub Porgy & Bess
Live-Tipp:
10.04.: Dresden: Blue Note (DE)
17.04.: Schwaz: SZentrum (AT)
19.04.: Tamsweg: Schloss Kuenburg (AT)
08.05.: Lahr: Stiftsschaffneikeller (DE)
09.05.: Seekirchen am Wallersee: Kulturhaus Emailwerk (AT)
06.06.: Gleiszellen: Stiftsweingut Meyer (DE)
07.06.: Hainfeld: Hainfelder Jazztage (AT)
