Ein musikalischer Universalgelehrter im Dialog mit dem Mátyás Bartha Trio


Wenn ein Musiker wie Scott Robinson auf eine Band trifft, die Tradition und Offenheit gleichermaßen lebt, entstehen Projekte, die mehr sind als bloße Gastauftritte. Genau das ist beim neuen Album „Hercules“ des Mátyás Bartha Trio zu hören, das im Februar 2026 bei Bartha Records erschienen ist. Pianist Mátyás Bartha, Bassist Danny Ziemann und Schlagzeuger Christian Salfellner haben sich für dieses Projekt einen der vielseitigsten Instrumentalisten der heutigen Jazzszene eingeladen – einen Musiker, der sich auf Tenorsaxophon ebenso selbstverständlich bewegt wie auf Trompete, Basssaxophon oder Altklarinette. Seine Diskografie umfasst mittlerweile mehr als 300 Aufnahmen, und auf den Bühnen der Welt stand er mit Jazzlegenden wie Chet Baker, Lionel Hampton, Paquito D’Rivera, Hank Jones oder Joe Lovano.
Ein Musiker, der nie aufhört zu lernen
Im Gespräch zeigt sich Robinson als Musiker, der seine Arbeit weniger als Meisterschaft versteht denn als permanenten Lernprozess. „Ich habe mich nie als Meister gesehen“, sagt er. „Jemand wie Louis Armstrong verdient diesen Titel – ich selbst bin ein Student der Musik und werde das wohl immer bleiben.“
Der Weg zur Musik begann für Robinson vergleichsweise unspektakulär. In seiner Familie gab es keine professionellen Musiker. „Meine Mutter spielte ein wenig Klavier, mein Vater war Schriftsteller. Aber wir hatten einige Schallplatten zu Hause – Jazz, klassische Musik, verschiedenste Dinge. Mein Bruder und ich hörten sie immer wieder.“ Sein älterer Bruder entwickelte eine große Leidenschaft für traditionellen Jazz und brachte ihn schließlich selbst auf diese Spur. „Ich bin ihm im Grunde einfach gefolgt“, erinnert sich Robinson.
Heute interessiert ihn jedoch nicht die Spezialisierung auf einen einzigen Stil. Vielmehr reizt ihn die Vielfalt musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten – und das spiegelt sich auch in seiner ungewöhnlichen Sammlung an Instrumenten wider. Robinson spielt nicht nur Saxophone unterschiedlicher Größen, sondern auch seltene historische Blasinstrumente. Für ihn bedeutet das zusätzliche klangliche Freiheit: „Wenn man viele Instrumente spielt, kann man ein Ensemble fast wie ein Orchester behandeln.“
Tradition als Abenteuer
Dass Robinson gleichzeitig tief in der Jazzgeschichte verwurzelt ist, bedeutet für ihn keineswegs stilistische Begrenzung. Im Gegenteil: Gerade in der Tradition entdeckt er immer wieder neue Möglichkeiten. „Tradition und Experiment sind keine Gegensätze“, erklärt er. „Wenn man frühe Aufnahmen hört, etwa von Louis Armstrong, dann merkt man, wie abenteuerlich diese Musik eigentlich war.“ Entscheidend sei dabei vor allem das Hören. Viele seiner Ideen entstehen nicht am Instrument, sondern zunächst im Kopf. „Ich höre zuerst – und dann schreibe ich die Musik auf. Komposition beginnt für mich mit dem Hören.“ Dabei kann Inspiration überall auftauchen. Robinson beschreibt das fast poetisch: „Die Musik kommt nicht nur aus Aufnahmen oder Konzerten. Sie kommt auch aus der Natur – aus Vogelstimmen, aus Geräuschen auf der Straße oder aus ganz alltäglichen Klängen.“ Diese Offenheit erklärt auch, warum die Zusammenarbeit mit dem Mátyás Bartha Trio so organisch wirkt. Robinson beschreibt die Begegnung mit dem Ensemble nicht als klassische Gastrolle, sondern als musikalische Verbindung, die sich fast selbstverständlich ergeben habe. „Als ich sie zum ersten Mal hörte, dachte ich sofort: Das klingt wie eine Band – wie etwas Lebendiges.“
Das Album „Hercules“ verbindet Standards, Eigenkompositionen und unterschiedliche stilistische Perspektiven. Stücke wie „You Dig“ oder „Stairway to the Stars“ zeigen, wie selbstverständlich das Quartett zwischen klassischem Jazzidiom und moderner Klangsprache wechselt. Gleichzeitig lebt die Aufnahme von der Erfahrung und Spielfreude aller Beteiligten – vom pianistischer Eleganz Barthas über das tief verankerte Bassspiel Danny Ziemanns bis zur energetischen Schlagzeugarbeit Christian Salfellners.
Am Ende bleibt Robinsons musikalische Philosophie erstaunlich schlicht. Auf die Frage, welchen Rat er jungen Musikerinnen und Musikern geben würde, antwortet er ohne Zögern: „Hört und lernt.“ Denn aus diesem Prozess entstehe alles andere von selbst: „Die Musik kommt hinein – und irgendwann kommt sie wieder heraus. Und darin liegt deine eigene Stimme.“ Herbert Höpfl
CD-TIPP:
Mátyás Bartha Trio ft. Scott Robinson „Hercules“, Bartha Records
