Lia Pale
Innenansichten auf „Woman & I“
Es ist noch in Erinnerung: Die Karriere von Lia Pale begann mit Franz Schubert; auf Basis von Arrangements von Matthias Rüegg interpretierte sie jugendlich-delikat den „Winterreise“-Zyklus. Die Neuinterpretation wurde sogar zum Wendepunkt: „Die Winterreise hat mich geprägt, geformt – als Sängerin, als Mensch“, erzählt Pale. Darauf aufbauend entwickelte sich die Kunstlied-Methode weiter, man nahm Repertoire von Robert Schumann, Johannes Brahms und Georg Friedrich Händel auf. „Auch gehen wir für Hugo-Wolf-Vertonungen ins Studio, und nächstes Jahr erscheint ein Balladenalbum mit Standards“, so Pale über die Zusammenarbeit mit Rüegg – „sonst liegt mein Fokus aber auf meinen Songs.“

Wie sie klingen, lässt sich anhand der Einspielung „Woman & I“ nachhören. Es ist eine Sammlung von Liedern, die zwischen Wels, Wien, Amsterdam und Den Haag entstanden. Quasi eine Reise zu sich selbst. Pale verließ Wien, „weil es mir wichtig war, die Strukturen, in denen ich mich bewegt habe, zu verlassen. Für Neues braucht es auch immer Platz. Mit Den Haag verbindet mich mein Masterstudium, ich unterrichte jetzt auch dort am Konservatorium. Amsterdam war meine erste Anlaufstation, nachdem meine ‚Kunstliedphase‘ quasi ein Ende fand.“
Der Titel des Albums, das auf Supreme Music erscheint, „ist eine Art Verneigung vor dem Frausein, vor all den Versionen von uns, die gleichzeitig existieren, sich entfalten oder losgelassen werden möchten. Wenn man in die 30er geht und als Frau nicht bestimmte Kasterl abhakt, wie Kinder, Partnerschaft, Familie, ist das nicht so einfach.“ Da gäbe es einen Dialog aus „äußeren und inneren Stimmen“. Es habe gedauert, bis sie erkannt habe, dass es „an mir liegt, ob ich zulasse“, wie sehr Klischees bestimmen, „wie ich auf mein Leben blicke und wie ich mein Leben er-lebe!“ Es geht auch um das Spannungsfeld zwischen der Figur auf der Bühne und der Person dahinter. „Das ist schwer zu beschreiben, aber ich habe erlebt, dass ich mich auf der Bühne ganz anders fühle als in dem Moment, in dem ich diesen Raum verlasse. Der Song ‚Woman & I‘ beschäftigt sich genau mit dieser Bewegung zwischen dem, was wir zeigen, und dem, was dahinterliegt.“

Von der Interpretin zur Songwriterin
Der Weg von der Interpretin zur Komponistin hängt bei Pale auch mit der Sehnsucht zusammen, „aus der inneren Landschaft etwas niederzuschreiben und dann weiterzuformen“. Ein wichtiger Zwischenschritt sei die EP gewesen, die sie unter ihrem eigentlichen Namen Julia Pallanch veröffentlicht habe. Dort entstanden Versionen, auf denen sie „alle Instrumente selbst spielt“, was „ein ganz wichtiger Schritt war, um mich in den Songs auch zu festigen, bevor ich sie der Band übergebe. Für mich sind diese Versionen total wichtig, deshalb habe ich mich entschieden, zwei davon, ‚Song For Her‘ und ‚Woman & I‘, als Bonustracks aufs Album zu geben.“
Die zwischen Jazz und popaffinem Songwriting pendelnden Lieder sind also sehr persönlich angelegt. „Canvas“, ein jazzig-intensiv wirkender Song, in dem Pale diverse Ausdrucksfacetten demonstriert, etwa „handelt vom kreativen Prozess und von Sinnlichkeit, davon, dass sexuelle und kreative Energie miteinander verbunden sind. Frausein und eine Beziehung zur eigenen Sexualität aufzubauen, sich Freiheit, Abenteuer und Sinnlichkeit zu erlauben und zu leben, hat für mich auch direkt damit zu tun, mir Platz und Freiheit im Schaffen zu geben.“
Auch die delikate Jazzballade „Loneliest Birthday“ ist, wie „viele Lieder, aus ganz konkreten Momenten entstanden. ‚Loneliest Birthday‘ habe ich tatsächlich an meinem Geburtstag geschrieben, an dem ich ganz alleine war. Ich hatte den Song ‚Bewitched, Bothered And Bewildered‘ am Wurlitzer liegen und habe mich abends dazu gesetzt und basierend auf der Akkordstruktur das Lied fast in einem Guss geschrieben – unter Tränen und Lachen. Es beschreibt diesen Tag und die Erkenntnis, dass man, wenn man allein ist, sich gleichzeitig immer auch selber hat.“
Die Einspielung ist aber nicht nur sehr persönlich. Sie ist auch ein Beweis kompositorischen Talents und ein guter Schritt auf der Suche nach den subjektiven Untiefen der Songinterpretation. Ljubisa Tosic
AKTUELLES ALBUM (CD & VINYL)
Lia Pale „Woman & I“,
Supreme Music

WEB-TIPPS
LIVE-TIPPS
Fr. 05.06.: Straubing (DE): Festival Musentöchter, 19.30 Uhr
Lia Pale – voc, flute
Mathias Rüegg – piano
Hans Strasser – bass
Ingrid Oberkanins – percussion
