Mahan Mirarab 

Die verbotenen Kassetten 

Mit illegal kopierten Jazz-Kassetten begann im Iran die musikalische Reise von Mahan Mirarab. Heute zählt der in Wien lebende Gitarrist zu den eigenständigsten Stimmen zwischen Jazz, Mikrotonalität und zeitgenössischer Kammermusik. Sein neues ACT-Album „Unspoken“ erzählt von Erinnerung, Verlust, Freiheit und einer Musik, die sich einfachen Zuschreibungen entzieht. 

Shining like the sun: Mahan Mirarab betritt die Bühne. Der Applaus ist ihm sicher. / copyright Herbert Höpfl

Als Jugendlicher hörte Mahan Mirarab Jazzmusik auf illegal kopierten Kassetten. Chick Corea, George Benson oder Weather Report wurden im Iran der 1990er-Jahre nicht einfach entdeckt, sondern gesucht, weitergegeben und teilweise heimlich gehört. „Diese Kassetten waren meine eigentlichen Lehrer“, sagt der heute in Wien lebende Gitarrist rückblickend. Musik bedeutete damals nicht nur Neugier und Leidenschaft, sondern auch Widerstand. Ein Freund landete wegen einer kopierten Jazz-Kassette sogar kurzfristig im Gefängnis. Für Mirarab wurde Musik dadurch früh zu etwas Existentiellem – zu einer Sprache, die Freiheit bedeutete und gleichzeitig neue Welten öffnete. 

In einem Jugendzimmer irgendwo zwischen Teheran und der nordiranischen Stadt Babol sitzt ein Teenager über einem Kassettenrekorder und versucht, Pianolinien von Chick Corea auf die Gitarre zu übertragen. Immer wieder wird zurückgespult, erneut gehört, nachgespielt. Noten gibt es keine. Unterricht fast auch keinen. Die Musik zirkuliert auf kopierten Tapes, weitergegeben über Freundeskreise und die Underground-Szene. Manche dieser Aufnahmen sind schwer zu bekommen, manche schlicht verboten. Gerade deshalb werden sie obsessiv studiert. 

„Wenn ich eine Kassette bekam, hörte ich sie unzählige Male“, erinnert sich Mahan Mirarab heute. Aus diesen Aufnahmen entstand letztlich seine eigentliche musikalische Ausbildung. Tatsächlich beschreibt dieser Zugang ziemlich präzise den Beginn einer außergewöhnlichen musikalischen Entwicklung. Denn Mirarab lernte Jazz nicht über Institutionen oder Konservatorien kennen, sondern über Neugier, Gehör und Beharrlichkeit. Melodien, Harmonien und Soli wurden herausgehört, transkribiert und analysiert. Musik von George Benson, Bud Powell oder Charlie Parker entwickelte sich zu einer Art alternativer Schule. 

Dabei war Musik im Iran jener Zeit keineswegs bloß Unterhaltung. „Für uns war Musik auch eine Form des Widerstands“, sagt Mirarab. Der Zugang zu westlicher Musik war nach der iranischen Revolution über lange Zeit stark eingeschränkt. Gleichzeitig entstand eine vitale Underground-Szene, die kreativ, unabhängig und experimentierfreudig arbeitete. Konzerte fanden oft in privaten Räumen statt, fernab offizieller Strukturen. Musiker:innen organisierten sich selbst, tauschten Aufnahmen, Ideen und Instrumente aus. Gerade die Knappheit erzeugte dabei eine enorme Intensität. Musik wurde nicht konsumiert, sondern regelrecht aufgesogen. 

Die Underground-Szene 

Eigentlich begann Mirarabs musikalische Reise nicht in Teheran, sondern in Babol im Norden des Iran. Dort lernte er zunächst Klavier, bevor ihn die Gitarre endgültig in ihren Bann zog. Schon als Kind faszinierte ihn die 

Vorstellung, Musiker zu werden. Videos von Bon Jovi oder den Beatles hinterließen ebenso Eindruck wie die ersten Begegnungen mit Jazz und Fusion. Als er später erstmals das Album „Light As A Feather“ von Return To Forever hörte, veränderte sich sein musikalischer Horizont schlagartig. Die komplexen Linien von Chick Corea wirkten auf ihn beinahe wie eine neue Sprache. 

Von diesem Moment an begann Mirarab obsessiv zu hören und zu transkribieren. Soli wurden Note für Note auf die Gitarre übertragen, oft ausschließlich nach Gehör. Dass daraus weit mehr entstand als bloße technische Übung, zeigt sich bis heute in seinem Zugang zur Musik. Sein Spiel wirkt dabei nie akademisch oder demonstrativ virtuos, sondern offen, melodisch und erzählerisch. Selbst komplexe mikrotonale Passagen behalten bei ihm etwas Organisches und Fließendes. 

Wichtige Impulse erhielt Mirarab später auch durch den armenischen Pianisten Vahagn Hayrapetian, der 2006 in den Iran kam und dort Workshops gab. „Das war revolutionär für mich“, sagt Mirarab heute. Nicht nur musikalisch, sondern auch philosophisch und menschlich habe ihn diese Begegnung geprägt. Gleichzeitig blieb die Underground-Szene jener Jahre ein entscheidender Erfahrungsraum. Dort wurde experimentiert, improvisiert und unabhängig gearbeitet – weit entfernt von akademischen Vorgaben oder stilistischen Grenzen. 

Joe Zawinul spielte in dieser musikalischen Sozialisation ebenfalls eine Schlüsselrolle. Weather Report gehörte zu den Bands, die Mirarab intensiv studierte, später gründete er sogar eine Joe-Zawinul-Tribute-Band. Dass ausgerechnet ein österreichischer Botschafter in Teheran, selbst großer Zawinul-Fan, ihm später bei der Ausreise nach Europa half, wirkt heute fast wie eine symbolische Verbindung zwischen zwei Welten, die sich in seiner Musik bis heute begegnen. 

Mahan Mirarab / copyright: Victoria Nazarova

Wien war kein Märchen 

2009 übersiedelte Mahan Mirarab schließlich bewusst nach Wien. Österreich besaß für ihn enorme Anziehungskraft – nicht nur wegen Joe Zawinul, sondern auch wegen seiner reichen Musiktradition zwischen Klassik, Jazz und zeitgenössischer Musik. Gleichzeitig wollte Mirarab den Iran verlassen, um sich musikalisch und persönlich weiterzuentwickeln. 

Interessant ist dabei, dass Mirarab den Begriff Freiheit deutlich differenzierter beschreibt, als man vielleicht erwarten würde. Künstlerisch habe es im iranischen Underground teilweise sogar größere Offenheit gegeben als später in Europa. „Wir haben einfach ausprobiert, experimentiert und gelernt, indem wir gespielt haben“, erzählt er. Institutionen oder Jazzuniversitäten, die vorgaben, wie Musik „richtig“ zu funktionieren habe, existierten kaum. Viele Konzerte entstanden unabhängig von Förderstrukturen oder wirtschaftlichen Erwartungen. 

Europa wiederum eröffnete ihm neue Räume – vor allem die intensive Beschäftigung mit Kammermusik und klassischen Klangfarben. Die Zusammenarbeit mit Musiker:innen unterschiedlichster Herkunft wurde zu einem zentralen Teil seiner Entwicklung und prägte seinen musikalischen Zugang nachhaltig. 

Der Beginn in Wien verlief allerdings keineswegs nur euphorisch. Mirarab erzählt offen von Erfahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus innerhalb der Szene. Besonders eine Jam-Session im Jazzclub ZWE blieb ihm in Erinnerung: Gemeinsam mit einem chinesischen Pianisten spielte er einen Standard, nach einem Stück wurden beide von der Bühne geschickt. Niemand wollte mit ihnen weiterspielen.  Noch stärker als die Situation selbst beschäftigte ihn damals das Schweigen des Umfelds. „Dieses Schweigen war fast noch schmerzhafter als die Situation selbst“, sagt Mirarab rückblickend. Auch seine mikrotonalen Einflüsse stießen nicht immer auf Offenheit. Nicht der aggressive Umgangston sei hinterfragt worden, sondern seine musikalische Andersartigkeit. 

Kritisch sieht Mirarab bis heute auch Teile der europäischen World-Music-Industrie. Oft würden Musiker:innen aus dem Nahen Osten, Afrika oder Asien auf bestimmte Rollenbilder reduziert oder exotisiert. Für ihn selbst sei es deshalb immer wichtig gewesen, als vollständiger Künstler wahrgenommen zu werden nicht bloß als Projektionsfläche kultureller Klischees. 

Trotz aller schwierigen Erfahrungen bezeichnet Mahan Mirarab Wien heute als Heimat. Gleichzeitig verbindet sich dieser Begriff bei ihm weniger mit Nationalität als mit Offenheit, Begegnung und Zusammenarbeit. Vielleicht erklärt gerade das, warum seine Musik heute so selbstverständlich zwischen unterschiedlichsten Traditionen und Klangsprachen wandelt. 

Mahan Mirarab / copyright: Victoria Nazarova

Musik als eigene Sprache 

Dass sich Mahan Mirarabs Musik heute so selbstverständlich zwischen Jazz, iranischer Klassik, Folklore, Kammermusik und mikrotonalen Klangwelten bewegt, versteht er selbst allerdings weniger als bewusstes Konzept denn als natürliche Entwicklung. „Ich habe vieles davon nie bewusst intellektualisiert – es ist einfach meine musikalische Sprache“, sagt er. Tatsächlich wirkt seine Musik nie wie eine kalkulierte „Fusion“, bei der unterschiedliche Traditionen demonstrativ miteinander verbunden werden sollen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass diese verschiedenen musikalischen Welten bei ihm längst ineinander übergegangen sind. 

Dabei spielen Maqam-Systeme und Mikrotonalität natürlich eine zentrale Rolle. Für viele westliche Musiker:innen wirken solche Tonsysteme hochkomplex oder theoretisch schwer greifbar. Mirarab nähert sich ihnen jedoch auffallend intuitiv. Die Übergänge zwischen Jazzharmonik, iranischer Klassik oder kurdischen und arabischen Einflüssen entstehen organisch und ohne hörbare Brüche. Gerade dadurch entwickelt seine Musik jene Offenheit und Selbstverständlichkeit, die sie von vielen eher akademisch gedachten Crossover-Projekten unterscheidet. 

Auch den oft verwendeten Begriff des „Brückenbauers zwischen Kulturen“ betrachtet Mirarab mit gewisser Skepsis. „Ich denke eigentlich nicht, dass ich Brücken zwischen Kulturen baue“, sagt er. Menschen würden Brücken zueinander bauen, wenn sie offen seien und echtes Interesse am Gegenüber hätten. Musik wiederum besitze ohnehin ihre eigene universelle Sprache aus Klang, Rhythmus und Stille. 

Töne, die atmen dürfen 

Diese Haltung prägt auch das neue Album „Unspoken“, gleichzeitig Mirarabs Debüt für ACT Music. Entstanden ist die Produktion in enger Zusammenarbeit mit Produzent Andreas Brandis und Michael Gottfried. Ursprünglich war sogar ein Trioalbum geplant, doch im Laufe der Arbeit wurde immer deutlicher, dass diese Musik vor allem Raum und Konzentration benötigt. 

Auch CONCERTO-Autor Ljubisa Tosic, der sich für diese Ausgabe ausführlich mit „Unspoken“ auseinandersetzt, hört in Mirarabs Musik keinen demonstrativen Virtuositätsgestus, sondern eine „suchende Noblesse“, die Reduktion und Nachdenklichkeit verbindet. Tatsächlich drängt sich dieses Album nie auf. Schon „First Idea“ entfaltet sich melodiös entschleunigt, bluesig eingefärbt und zugleich von persischen Anklängen durchzogen. In „Unspoken“ bleibt diese leise Wehmut spürbar, während „Hawari Funk“ mit einem prägnanten Riff Bewegung ins Spiel bringt. Entscheidend ist dabei weniger technische Raffinesse als die Art, wie diese Musik Raum lässt. Die Töne dürfen atmen, vieles entwickelt sich ohne großes Pathos und beinahe kammermusikalisch. 

Bei „Choopan 42“ öffnet sich der Dialog mit dem Cello von Kian Soltani, bei „Lars In Isfahan“ trifft Mirarab auf den sensiblen Bass von Lars Danielsson. In „Sparkling Dark Gaze“ legt sich die Stimme von Golnar Shahyar um die Gitarrenklänge und erweitert die ohnehin starke emotionale Grundstimmung des Albums zusätzlich. Besonders eindringlich wirkt „Pıçıldaşın, Ləpələr“, in dem sich Trauer, Trost und Melancholie beinahe wie ein instrumentaler Gesang entfalten. 

Zentral für den Klang von „Unspoken“ ist außerdem Mirarabs besondere Doppelhalsgitarre mit bundiertem und bundlosem Griffbrett. Ursprünglich verwendete er die bundlose Gitarre vor allem für iranische klassische Musik. Mit der Zeit entwickelte sich daraus jedoch ein viel offenerer Zugang, der Jazz, unterschiedliche mikrotonale Maqam-Systeme und eigene harmonische Vorstellungen miteinander verbindet. Dadurch entsteht eine Klangsprache, die sich stilistischen Grenzziehungen oft bewusst entzieht. 

Jenseits einfacher Zuschreibungen 

Vielleicht ist genau diese Widersprüchlichkeit das Spannendste an Mahan Mirarabs Geschichte. Der Musiker, der mit verbotenen Jazz-Kassetten im Iran aufwuchs, beschreibt die dortige Underground-Szene heute als kreativ, unabhängig und experimentierfreudig. Europa wiederum brachte neue Möglichkeiten, neue musikalische Räume – aber eben auch Erfahrungen mit Ausgrenzung und kulturellen Klischees. 

Auffallend bleibt dabei, wie ruhig und differenziert Mirarab über all diese Erfahrungen spricht. Weder verklärt er den Iran, noch stilisiert er Europa zum kulturellen Idealzustand. Vielleicht entzieht sich seine Musik auch deshalb so konsequent einfachen Etiketten. 

Herbert Höpfl/Ljubisa Tosic 

AKTUELLE CD

Mahan Mirarab „Unspoken“ feat. Kian Soltani, Lars Danielsson, Golnar Shahyar, ACT Music, Vertrieb: Edel Kultur

WEB-TIPP

www.mahanmirarab.com

LIVE-TIPPS:

Das NAWA Festival
Nicht nur musikalisch bewegt sich Mahan Mirarab längst jenseits einfacher Kategorien. 2026 organisiert er bereits zum dritten Mal das NAWA Festival im Porgy & Bess.

Ort: Wien, Porgy & Bess, jeweils 20.00 Uhr

  • Fr. 19.06.: Saïd Tichiti (MAR) / Ghetto Birds (IR/A/HU/I/SYR) / Sakina Teyna Septet (KU/IR/A/COL/SRB/SLO)
  • Sa. 20.06.: Bakr Khleifi (PSE) / Golnar Shahyar & Atena Eshtiaghi (IR) / Kurdophone (KU/IR/A)
  • So. 21.06.: Nawa Orchestra & Guests (A/SLO/ESP/HR/IR)

WEITERE TERMINE MIT MAHAN MIRARAB

  • 23.06.: Golnar & Mahan Mirarab Duo – Wien, Walking Concert
  • 04.07.: Petra Morzé, Golnar Shahyar, Mahan Mirarab, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Markus PoschnerCongress Center Villach
  • 19.07.: Naïma Mazic, Farah Deen, Andrej Prozorov, Mahan Mirarab – Wien, Kultursommer („Wilhelmsdorfer Park“)