Helene Glüxam – Eine Stimme für den Kontrabass

Der Österreichische Jazzpreis als Best Newcomer, internationale Konzertreisen, die Aufnahme ins NASOM-Förderprogramm des Außenministeriums und nun das erste Soloalbum bei Unit Records: Für Helene Glüxam haben sich in den vergangenen Monaten viele Entwicklungen verdichtet. Im Mittelpunkt steht dabei weniger Karriereplanung als die konsequente Suche nach einer eigenen musikalischen Sprache – zwischen Kontrabass, Stimme, Improvisation und komponierter Form.

Wer Helene Glüxam in den vergangenen Monaten folgen wollte, brauchte fast schon einen Atlas. Mit ihrem Soloprogramm führte sie die NASOM-Förderung des österreichischen Außenministeriums nach Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Italien, Deutschland, in die Slowakei und zuletzt nach Polen. Für eine Kontrabassistin bedeutet das allerdings nicht nur neue Konzertorte, sondern vor allem eines: immer wieder neue Instrumente. Den eigenen Bass um die halbe Welt zu transportieren, ist kaum praktikabel. Also wartet vor jedem Konzert ein Leihinstrument – mit eigenem Charakter, eigenen Eigenheiten und nicht immer optimalem Zustand.

Helene Glüxam erhielt 2025 den Österreichischen Jazzpreis. / Foto_Hoepfl

„Wenn die Bässe nicht gut eingestellt sind, wird das Spielen manchmal zum Kampf“, erzählt sie. Das zwinge sie oft dazu, ihr Programm kurzfristig anzupassen. Frustrierende Momente habe es durchaus gegeben. Gleichzeitig hätten diese Erfahrungen aber auch ihren Blick auf das eigene Instrument verändert. „Wenn ich dann wieder auf meinem eigenen Bass spielen kann, bin ich überrascht, wie leicht das Spielen von der Hand geht.“

Dass sich ihr künstlerischer Fokus in den vergangenen Jahren verändert hat, sei fast zwangsläufig gewesen. Das Soloprojekt fordere nicht nur als Musikerin, sondern auch organisatorisch viel Zeit. Komponieren, Proben, Konzertreisen – all das lasse weniger Raum für andere Aktivitäten. Dennoch möchte sie die stilistische Vielfalt nicht aufgeben. Im Gegenteil: Gerade unterschiedliche Projekte seien wichtig, um musikalisch offen zu bleiben. Heute legt sie ihren Schwerpunkt allerdings stärker auf Formationen, in denen sie selbst komponieren und eigene Ideen verwirklichen kann.


Der eigene Klang

Die Suche nach einer eigenen musikalischen Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch Helene Glüxams Arbeit. Ihre Stücke entstehen selten nach Plan. Meist beginnt alles mit einer kleinen musikalischen Idee am Instrument. „Ich spiele vor mich hin, ohne viel nachzudenken“, beschreibt sie ihren Zugang. Manchmal bleibe eine Melodie hängen, manchmal ein Rhythmus oder bereits ein größerer musikalischer Zusammenhang. Die Skizzen werden aufgenommen, am nächsten Tag wieder angehört und weiterentwickelt. Manche Kompositionen entstehen innerhalb weniger Tage, andere begleiten sie über Monate oder sogar Jahre.

Diesen langen Atem empfindet sie keineswegs als Belastung. Ein Stück habe sie eineinhalb Jahre immer wieder zur Seite gelegt und später erneut aufgegriffen. „Es fühlt sich nie nach verschwendeter Zeit an“, sagt sie. Gerade weil sie ausschließlich für sich selbst komponiere, könne sie sich diese Freiheit nehmen und Ideen immer wieder überarbeiten.

Helene Glüxam / Foto_Zacharias

Dabei spielt Improvisation eine besondere Rolle. Nicht unbedingt im fertigen Werk – ihre Kompositionen sind weitgehend durchkomponiert –, sondern während ihres Entstehungsprozesses. Aus spontanen musikalischen Momenten entwickelt sich Schritt für Schritt jene Klangwelt, die heute unverkennbar mit ihrem Namen verbunden ist. Sie selbst beschreibt das Debütalbum als eine Art Essenz ihrer bisherigen musikalischen Identität. „Ich wollte herausfinden, welche Musik eigentlich meine eigene ist“, sagt sie rückblickend über ihre Studienzeit. Genau dieses Ziel sieht sie heute erreicht.

Ebenso ungewöhnlich wie ihre Kompositionen ist die Verbindung von Kontrabass und Gesang. Ursprünglich hatte sie gar nicht vor, ihre Stimme einzusetzen. Erst nachdem ihr Vater eine frühe Aufnahme des Stückes Wellensturm gehört hatte und beiläufig fragte, ob sie nicht dazu singen wolle, begann sie mit dieser Möglichkeit zu experimentieren. Zunächst widerwillig. Doch schon wenige Wochen später war klar, dass die Stimme den musikalischen Horizont erheblich erweitert.

„Es hat mich Überwindung gekostet, live zu singen“, gibt sie offen zu. Heute empfindet sie den Gesang als unmittelbare Verbindung zum Publikum. „Es fühlt sich an, als würde ich mehr von mir hergeben.“ Gleichzeitig entdeckt sie ständig neue Klangmöglichkeiten ihres Instruments. Erweiterte Spieltechniken, perkussive Elemente oder alternative Stimmungen gehören längst selbstverständlich zu ihrem musikalischen Vokabular. Beim nächsten Programm möchte sie den Bogen noch stärker in den Mittelpunkt rücken und weitere klangliche Möglichkeiten erforschen.


Nachtvogel“ – das Solo-Debüt

Der Weg zum ersten Soloalbum begann ohne konkreten Plan. Eigentlich wollte Helene Glüxam lediglich ein Solostück für Kontrabass schreiben. Erst während des ersten Lockdowns entstand mit Wellensturm die Keimzelle für ein größeres Projekt. Plötzlich gab es Zeit, Ideen auszuprobieren und sich ganz auf die eigene Musik zu konzentrieren. Erst später kam die Stimme hinzu – und schließlich wuchs aus einzelnen Kompositionen ein komplettes Album. Für den Sound des Albums erwiesen sich gerade jene Experimente als prägend, die zunächst aus der Not entstanden. Weil ihr der reine Bassklang irgendwann nicht mehr genügte, begann sie mit neuen Spieltechniken und elektronischen Effekten auf der Stimme zu experimentieren. Viele dieser Klangfarben entwickelte sie selbst. Gerade darin sieht sie heute einen wesentlichen Bestandteil ihrer musikalischen Handschrift. Aufgenommen wurde Nachtvogel im Studio von Lukas Froschauer. Gemeinsam mit Tonmeister Arthur Fussy entstand zunächst der Plan, Bass und Gesang gleichzeitig einzuspielen. Schon nach dem ersten Aufnahmetag zeigte sich jedoch, dass getrennte Aufnahmen wesentlich größere klangliche Möglichkeiten eröffneten. Eine spontane Entscheidung, die sich im Nachhinein als Glücksfall erwies. „Ich bin sehr froh, dass wir uns dafür entschieden haben“, sagt Glüxam. Das Album wirke dadurch deutlich differenzierter und transparenter.

Wie sich Nachtvogel aus der Sicht eines aufmerksamen Hörers erschließt, beschreibt CONCERTO-Autor Ernst Weiss.: Mit Nachtvogel legt Helene Glüxam ein Solo-Debüt vor, das musikalisch ebenso beeindruckt wie emotional berührt. Der neue Tonträger der Kontrabassistin ist nicht nur ein herausragendes musikalisches Statement, sondern auch eine Sammlung von acht Eigenkompositionen, deren Wirkung tief geht. Diese Musik lässt innehalten und schafft Raum, um Gedanken zu fassen und Stimmungen nachwirken zu lassen.

Foto_Maria_Frodl

Jedes Stück entfaltet seine eigene Atmosphäre. Im ersten Moment hört man vielleicht vor allem auf die technische Brillanz der Musikerin, bald jedoch rückt die emotionale Kraft der Kompositionen in den Vordergrund. Sie sind prall gefüllt mit Mystik, verdeckten Geheimnissen und unterschwelligen Emotionen. Mancher wird zunächst erstaunt sein, wie exzellent Glüxam die Technik des Pizzicato beherrscht. Energisch holt sie aus ihrem Bass perkussive Klänge heraus, die den Takt aufbauen und die Stücke zu kleinen Rhythmus-Abenteuern formen.

Von simplem Timekeeping ist diese Musik weit entfernt. Helene Glüxam richtet sich konsequent nach eigenen Regeln. Man hört Klangwelten, die man in dieser Form kaum kennt. Die Konsequenz, mit der sie ihren Weg geht, erinnert an jene Individualität, die große Basspersönlichkeiten wie Scott LaFaro, Charles Mingus oder Ray Brown ausgezeichnet hat. Das war eine andere Zeit, und natürlich hat sich alles weiterentwickelt. Doch auch Glüxam lässt riskante Wendungen hören und folgt dabei spürbar ihren eigenen kreativen Konzeptionen.

Das Frappanteste und höchst Spezielle an ihrem Programm ist sicher, dass sie während des Spiels mit heller, sirenenhafter Stimme singt und damit oft eine gespenstische Atmosphäre erzeugt. Dieser Kontrast trägt wesentlich dazu bei, dass das Album einen Nimbus des Besonderen erhält. Schon die Titel ihrer Kompositionen geben Hinweise auf deren Stimmung und mögliche Botschaft.

Bei Wellensturm, dem Eröffnungstrack, lässt Glüxam heranrollende Wellen hörbar werden, während der Sturm die Naturgewalt noch verstärkt. Sie zupft und schlägt die Saiten ihres Basses vehement, erst das Ende des Stückes bringt Ruhe. Das rockige Flattern ist geprägt von Tempowechseln und lässt unruhige, scheinbar planlose Schwingungen entstehen. Ein bis zum Anschlag hochgezogenes Tempo charakterisiert Vor und zurück.

Nachtvogel beginnt arco, der Gesang wirkt extrem unheimlich, eine düster-geisterhafte Stimmung entsteht. Man denkt an Eule, Uhu oder Nachtschwalbe. Winter dekoriert Glüxam mit Pfeifen und hellem Vokalisieren; trotzdem fühlt man, dass dieses Stück von der dunkelsten Jahreszeit handelt. Bei Echolot lässt die Bassistin wiederum Meereswellen rollen, ihr Instrument gibt diese Bewegung eindrucksvoll wieder. Der Titel verweist auf jenes Verfahren, mit dem Wassertiefen gemessen oder Wrackteile und Verunglückte gesucht werden.

Mondflut schließlich ist grandios gespielt. Die Flut ist unstoppbar, permanent in Unruhe, gelenkt von der Anziehungskraft des Mondes und den Gezeiten. Helene Glüxams Album ist von Martin Siewert perfekt gemastert. Die Dramaturgie überzeugt, und Nachtvogel bestätigt eindrucksvoll das außergewöhnliche Potenzial dieser bereits mehrfach ausgezeichneten Künstlerin.


Mehr als ein Soloprojekt

So sehr derzeit das Soloprojekt im Mittelpunkt steht, definiert sich Helene Glüxam keineswegs ausschließlich darüber. Seit vielen Jahren gehört sie zum iranisch-österreichischen Ensemble Kurdophone, dessen Verbindung kurdisch-iranischer Musik mit Jazz, Rock und zeitgenössischen Einflüssen zu den spannendsten Entwicklungen der heimischen Szene zählt. Im Herbst steht bereits die Aufnahme des zweiten Studioalbums auf dem Programm.

Foto_Herbert_Hoepfl

Mit dem Wednesday Night Prayer Orchestra entwickelte sich in den vergangenen Jahren rund um regelmäßige Konzertabende eine treue Community. Ab September beginnt für das Ensemble als Stage Band im Wiener Porgy & Bess ein neues Kapitel. Daneben arbeitet Glüxam im Ensemble Lizard, das sich der zeitgenössischen Musik widmet und höchste Präzision verlangt – ein reizvoller Kontrast zu ihren improvisatorischen Projekten.

Eine besondere Stellung nimmt das von ihr entwickelte Projekt „Die Schatulle des David Josef Bach“ ein. Ausgangspunkt ist der Nachlass des bedeutenden Kulturvermittlers des Roten Wien, dessen wiederentdeckte Sammlung von Geburtstagsbriefen bedeutender Künstlerinnen und Künstler des frühen 20. Jahrhunderts zu einer künstlerisch-wissenschaftlichen Lecture-Performance wurde. Historische Dokumente, Improvisation und neue Kompositionen verbinden sich dabei zu einer außergewöhnlichen Form der musikalischen Erinnerungskultur. Glüxam möchte dieses Thema künftig noch weiter vertiefen – das Material dafür sei längst vorhanden.


Blick nach vorne

Die kommenden Monate werden kaum ruhiger. Neben zahlreichen Solokonzerten steht Ende September das offizielle Release-Konzert von Nachtvogel im Wiener ORF Radiokulturhaus auf dem Programm. Parallel dazu beginnt mit dem Wednesday Night Prayer Orchestra eine neue Phase im Porgy & Bess, während Kurdophone bereits am nächsten Album arbeitet.

Langfristige Karrierepläne formuliert Helene Glüxam dennoch nur zurückhaltend. Viel wichtiger sei ihr, die Freude an der eigenen Entwicklung nicht zu verlieren. „Ich würde mich sehr freuen, wenn ich in fünf Jahren noch genauso viel Freude daran habe, mich musikalisch weiterzuentwickeln, auf der Bühne zu stehen und meine Musik zu teilen.“ Ein Satz, der vielleicht besser als jeder Preis beschreibt, was ihre Musik antreibt.

CD-Tipp

Helene Glüxam „Nachtvogel“, Unit Records, 2026


Website

www.helenegluexam.com


Live-Tipps

6.9. JazzChurFestival, Chur, Schweiz
12.9. Take the A-Train Festival, Salzburg
22.9. Album-Release Nachtvogel, ORF Radiokulturhaus Wien
30.9. Wednesday Night Prayer Orchestra, Album Release, Porgy & Bess Wien