45 Jahre Weltoffenheit

Internationales Musikfest Waidhofen an der Thaya

Mit dem Ferienbeginn kehrte Anfang Juli auch das Internationale Musikfest Waidhofen in den Thayapark zurück. Drei Tage lang wurde die grüne Oase an der Thaya zum Schauplatz musikalischer Begegnungen aus aller Welt. Zwischen Jazz, Blues, Folk und globalen Klangwelten, zeitgenössischem Zirkus, Workshops und Familienprogramm entstand einmal mehr jene besondere Atmosphäre, die das Waidhofner Musikfest seit 45 Jahren auszeichnet: entspannt, weltoffen und generationenübergreifend.

Roland Guggenbichler und „Artist in Residence“ Chanda Rule boten einen grandiosen Festivalauftakt. Foto_Hoepfl

Festivalauftakt mit starken Stimmen

Nicht zu kalt, nicht zu heiß – schon das Wetter meinte es mit dem Musikfest gut. Und gleich zum Auftakt am Freitag auf der Hauptbühne folgte der erste Knalleffekt: Die ebenso charismatische wie sympathische Sängerin Chanda Rule, heuer „Artist in Residence“, machte gemeinsam mit Roland Guggenbichler erstmals gemeinsame Sache. Mit Spirituals und Gospels legte sie die Wurzeln ihrer Musik offen und sorgte für einen ebenso berührenden wie bewegenden Festivalauftakt.

Vokalistin Folda Dada bereicherte David Helbocks Random/Control in einem eigens konzipierten Spezialprogramm. / Foto_Hoepfl

Eine weitere faszinierende Stimme, jene von Fola Dada, prägte den Auftritt von David Helbocks Random/Control mit Vertonungen von Gedichten unter anderem von William Blake, Erich Fried und Emily Dickinson. Beeindruckend auch Johannes Bär, der als Ein-Mann-Orchester mit Sousaphon und Perkussion das Publikum gleichermaßen verblüffte wie begeisterte. Dem Blues wurde nächtens mit einem fulminanten Gitarristen-Auftrieb der Oliver Mally Blues Explosion gehuldigt: Neben Oliver Mally griffen auch Chris Fillmore und Peter Schneider in die Saiten.

Oliver Mally frönte den Blues mit gewohnt voller Energie. / Foto_Hoepfl

Zu den schönsten Überraschungen des Wochenendes zählte Wallis Bird. Mit ihrer großen Bühnenpräsenz, ihrer intensiven Stimme und ihrem emotionalen Ausdruck spielte sich die irische Singer-Songwriterin im Laufe ihres Konzerts immer tiefer in die Herzen des Publikums und sorgte für einen der berührendsten Momente des Festivals.

Wallis Birds Auftritt auf der Thayabühe zählte zu einer weiteren Überraschung des Festivals. / Foto_Hoepfl

Peter Kern war beim Musikfest längst wieder fällig. Mit authentischem Roots-Blues, einer hervorragend harmonierenden Band und ansteckender Spielfreude entfachte er genau jenen Funken, der in Waidhofen sofort aufs Publikum überspringt. Sein seelenvolles Gitarrenspiel ließ das Publikum selbst bei Tageslicht zwischen den Juke Joints Louisianas und den Clubs der South Side von Chicago eintauchen – ein Auftritt voller Leidenschaft und musikalischer Glaubwürdigkeit.

Peter Kern begeisterte mit authentischem Roots-Blues, seelenvollem Gitarrenspiel und einer bestens harmonierenden Band. / Foto_Hoepfl

Von Finnland bis in die Sahara

Wie mitreißend Instrumentalmusik aus Finnland irgendwo zwischen skandinavischem Folk und amerikanischem Bluegrass, passend tituliert als „Nordgrass“, klingen kann, bewies das Ensemble Frigg, das es nach mehreren Anläufen endlich nach Waidhofen schaffte. Sängerin und Geigerin Alina Kivivuori lobte auf der Bühne ihrerseits die Kinderbetreuung des Festivals in höchsten Tönen.

Erstmals gastierte Bombino beim Musikfest. Mit seinem unverwechselbaren Mix aus Tuareg-Musik, Desert Blues und Rock entwickelte der Gitarrist aus Niger einen hypnotischen Groove, dem sich das Publikum am Samstagabend kaum entziehen konnte.

Er heißt mit bürgerlichem Namen Omara „Bombino“ Moctar und stammt aus der Tuareg-Volksgruppe.
Internationale Bekanntheit erlangte er unter anderem durch das von Dan Auerbach produzierte Album Nomad (2013). / Foto_Hoepfl

Das traditionelle Sonntag-Matinee der Wiener Tschuschenkapelle feierte nach rund zehn Jahren eine willkommene Rückkehr zum Musikfest. Mit Balkanrhythmen, Wiener Melodik und augenzwinkerndem Humor sorgte die Kultformation für einen beschwingten Sonntagvormittag.

Wie man mit einem großen Ensemble filmtaugliche Sounds im Breitwandformat auf die Bühne bringt und doch auch intim wie im Wohnzimmer klingt, führte Bassistin und Komponistin Gina Schwarz mit Multiphonics 8 vor – Musik, die auch ohne Texte Geschichte erzählt.

Mit dem Trio Brein, Schmid & Gansch, hinter dessen griffigem Namen sich der aus der Klassik kommende Geiger Benjamin Schmid, Trompeten-Tausendsassa Thomas Gansch und Bassist Georg Breinschmid verbergen, gab es eine weitere Spezial-Kombination beim Festival. Zu dritt führten sie vor, wie gut Virtuosentum, Humor und musikalische Abenteuerlust zusammengehen.

Eine seltene Konstellation: Breinschmid, Schmid & Gansch vereinten ihre musikalischen Welten auf der Musikfest-Bühne. / Foto_Hoepfl

Zwei Bühnen – ein Festival

Die besondere Stärke des Internationalen Musikfests zeigte sich einmal mehr im harmonischen Zusammenspiel von Hauptbühne, Thayabühne und dem vielfältigen Rahmenprogramm. Beide Bühnen boten ein eigenständiges Profil und ergänzten einander zu einem abwechslungsreichen Gesamterlebnis, das Besucherinnen und Besucher aller Generationen ansprach.

Während auf der Hauptbühne internationale Acts aus Jazz, Blues, Folk und World Music begeisterten, entwickelte das Zelt an der Thaya mit seinem jurtenartigen Charakter eine ganz eigene Atmosphäre. Neben Konzerten fanden dort zeitgenössischer Zirkus, Kindertheater, ein mobiles Planetarium sowie bildende Kunst ihren Platz und unterstrichen den Anspruch des Festivals, weit mehr als eine reine Konzertveranstaltung zu sein.

Musikalisch spannte sich der Bogen von den tiefgründigen Texten und jazzigen Grooves der österreichischen Rapperin Spilif über die feinfühligen, oft melancholischen Lieder des dänischen Singer-Songwriters Lasse Matthiessen bis zu den temperamentvollen Los Justicieros, die mit ihrer Mischung aus Cumbia und Punk ebenso für Begeisterung sorgten wie das elfköpfige Funk-Powerhouse GOT’YA. Immer wieder setzte auch Chanda Rule auf der Thayabühne besondere Akzente – vor allem gemeinsam mit Musikschüler aus der Region, mit denen sie ihre musikalischen Wurzeln in Soul, Jazz und Gospel auf berührende Weise teilte.

Spilif zeigte, wie vielseitig das Musikfest auch stilistisch aufgestellt ist – mit Hip-Hop, Spoken Word und elektronischen Einflüssen. / Foto_Hoepfl

Wiener Blond verbindet Wiener Lied, Pop und Chanson mit viel Sprachwitz und feinem Humor. Als das Duo am Festivalsamstag die Thayabühne betrat und eben diese sehr speziellen Wiener Chansons in sein ganz eigenes, augenzwinkerndes Gewand packte, kochte das Bühnenzelt – allerdings nicht wegen der sommerlichen Temperaturen.


Verena Doublier und Sebastian Radon alias Wiener Blond sorgten mit ihren augenzwinkernden Songs für Stimmung auf der bis auf den letzten Platz gefüllten Thayabühne. / Foto_Hoepfl

Einen ebenso atmosphärisch dichten wie würdigen Schlusspunkt auf der Thayabühne setzte schließlich das Trio Bekkas, Lê & Drake. Mit großer Intensität verschmolzen der marokkanische Gnawa-Meister Majid Bekkas, Gitarrist Nguyên Lê und Schlagzeuger Hamid Drake Einflüsse aus Gnawa, Blues und Jazz zu einem faszinierenden musikalischen Dialog.

Ebenfalls eine absolute Rarität, dass diese Herren gemeinsam auf der Bühne stehen. Bekkas, Lê & Drake boten auf der Thayabühne einem intensiven Dialog zwischen Gnawa, Blues und Jazz. /Foto_Hoepfl

Publikumsmagnet mit Familienflair

Zum Schluss dann nochmals ein echter Knaller: der Hot Pants Road Club, mittlerweile Waidhofner Stammgäste, die längst Anspruch auf eine Ehrenbürgerschaft hätten, in Topform. Zum Überkochen brachte das Ganze dann noch Chanda Rule – ein würdiges Finale für Festival und „Artist in Residence“. Zum Gelingen trug einmal mehr auch das abwechslungsreiche Rahmenprogramm bei. Kinderinsel, Workshops, zeitgenössischer Zirkus und das erstmals aufgebaute mobile Planetarium von Ruth Grützbauch begeisterten nicht nur die jüngsten Besucher. So bewies das Musikfest erneut, dass große Konzerterlebnisse und ein familienfreundliches Festival einander nicht ausschließen, sondern seit 45 Jahren das Erfolgsrezept des Waidhofner Musikfests sind.

Auch beim Publikum zeigte die Tendenz klar nach oben. Der Veranstalter konnte sich über einen Besucherzuwachs von knapp zehn Prozent freuen. Ein sichtbares Indiz dafür: Bereits am frühen Nachmittag waren einzelne Speisen ausverkauft – bemerkenswert, zumal das gesamte kulinarische Angebot von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern getragen wird.

Stellvertretend konnten hier nur einige der insgesamt 23 Bands auf zwei Bühnen erwähnt werden. Das künstlerische Niveau war während des gesamten Wochenendes durchgehend bemerkenswert hoch. glicka/lefre

Das nächste Internationale Musikfest Waidhofen im Thayapark geht von 2. bis 4. Juli 2027 über die Bühne