Umzingelt von Klavieren
Im Wiener Konzerthaus ist am 20.9. Georg Friedrich Haas‘ spektakuläres Stück 11.000 Saiten zu erleben
Der Saisonstart ist im Wiener Konzerthaus stets ein besonderer Moment. Im Eröffnungsmonat September setzt das Haus mit 11.000 Saiten aber ein wahres Sonderrufzeichen. Die Komposition Georg Friedrich Haas‘ verwandelt den Großen Saal in eine spezielle Klangwelt. Fünfzig Klaviere bescheren dem Publikum ein exzeptionelles Hörerlebnis. Im Großen Saal sitzend, ist es umgeben von 50 Klavieren im Parterre und auf den Balkonen. Es wird die Möglichkeit geboten, eine ungewöhnliche Hörerfahrung zu machen. Das Publikum hört die Musik nicht nur, sondern befindet sich mitten in ihr und erfährt unmittelbar, wie körperlich Musik wirken kann. Es wird in ein Setting eingebunden, das dem Komponisten so vorschwebte, um alle Wandlungen und Schwebungen der Musik genau vermitteln zu können.

Der Intendant des Klangforum Wien, Peter Paul Kainrath, erinnert sich an die Geburtsstunde der Idee in China: „2018 hatte ich Gelegenheit, die Klavierfabrik Hailun zu besuchen. Bevor jedes Instrument das Werk verlässt, wird es über 24 Stunden durchgängig von Maschinen gespielt. Dort werden hundert Klaviere gleichzeitig gespielt. Ich habe sofort gedacht, dass für einen Komponisten wie Haas diese Situation hochinteressant wäre.“ Haas musste nicht lange überlegen. Es sei „eine dieser Ideen, die so verrückt sind, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als ,Ja!‘ zu sagen.“
2023 wurde das Werk in Bozen uraufgeführt und absolvierte seitdem eine Weltreise bis nach New York. Im Konzerthaus wird die Produktion vom Klangforum Wien, das als zentrales Zusatzorchester fungiert, unter der Leitung von Vimbayi Kaziboni realisiert.
In diesem Werk spiegelt sich natürlich auch die Stilistik des Komponisten. Haas, einer der bedeutendsten Vertreter zeitgenössischer Musik, stellt ein Tonsystem ins Zentrum seines Schaffens, das die herkömmliche Einteilung der Oktave in zwölf gleich große Halbtöne erweitert. Haas verwendet Intervalle, die kleiner sind als ein Halbton, und erschließt damit raffinierte Klangräume. Seine Musik betört durch außergewöhnliche Farbigkeit und klangliche Tiefe; feinste Schwebungen werden hörbar, eine ambivalente Schönheit strahlt sie aus.
Die fünfzig Klaviere von 11.000 Saiten sind denn auch nicht identisch gestimmt. Jedes Instrument ist gegenüber seinem Nachbarn um exakt zwei Cent, also zwei Hundertstel eines Halbtons, verschoben. So entsteht ein mikrotonaler Kosmos. Seine eigentliche Wirkung entfaltet das Werk natürlich ausschließlich im Konzertsaal. Haas dazu grundsätzlich: „Ich schreibe immer wieder Musik, die ihre volle Qualität nur in der Live-Aufführung entwickelt. Der Unterschied zwischen 11.000 Saiten aus Lautsprechern und 11.000 Saiten im Konzertsaal, umgeben von 50 Klavieren und 25 anderen Instrumenten, ist ungefähr so groß wie der Unterschied zwischen einem Gewitter oder einem Hochwasser im Fernsehen und einem Gewitter oder Hochwasser in Wirklichkeit.“ Also nichts wie hin.
Ljubisa Tosic
LIVE-TIPP:
Sa., 20.9., Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 19.30 Uhr.
Infos und Tickets: www.konzerthaus.at
