Ludwig Bekić: „Mittwoch ist Wednesday“

Hier lesen Sie das vollständige Interview zum Artikel von Wolfgang Suschnig aus der Printausgabe CONCERTO 4-2026, erschienen am 3. August 2026. Der Beitrag ist dort auf Seite 32 erschienen. Das gesamte Interview führte CONCERTO-Mitarbeiter Wolfgang Suschnig.

„Wir sind keine Coverband!“ (Ludwig Bekić)

Seit ungefähr drei Jahren spielt das Wednesday Night Prayer Orchestra (WEDO) regelmäßig mittwochs im Little Stage, einem kleinen Gasthaus in 1050 Wien. Mitte April wurde im ORF Radiokulturhaus das erste Album aufgenommen, im Anschluss daran fand ein Auftritt im dortigen Großen Sendesaal statt, der gefilmt und ebenfalls mitgeschnitten wurde. Der Film soll im Herbst 2026 veröffentlicht werden.

Gegründet wurde das WEDO vom Saxophonisten, Komponisten und Grafiker Ludwig Bekić, mit dem concerto mehrere Gespräche über seine Liebe zu Big Bands führte:


Eigentlich habe ich mir die Big Band zu meinem fünfzigsten Geburtstag geschenkt.

Ich habe erst einmal mit einer Handvoll Musiker:innen, die ich in der Band haben wollte, Kontakt aufgenommen und nach deren Zusage die entsprechenden Noten verschickt. Nach dem Fest habe ich die Band zur vollen Big-Band-Größe ausgebaut. Wir waren sechzehnt. Die Kompositionen, die wir damals spielten, stammten von Duke Ellington, Moondog und Charlie Parker; ich habe einen Ort gesucht, an dem wir proben und auftreten konnten. Ein halbes Jahr später hatten wir das erste Konzert im Little Stage. Das kannte ich von früher. Es ist ja einzigartig: Wo kann man schon proben, nur durch eine Glastür vom Gastraum getrennt? Und gleich danach ebendort auftreten? Gasthäuser mit einer Bühne sind in Wien selten geworden. Das Tolle am Little Stage ist ja auch, dass wir proben können, während das Lokal schon geöffnet hat.


Ihr spielt quasi für die Jause, die ihr zwischen Probe und den beiden Sets bekommt?

Nein, die organisieren wir uns schon selbst. Wir bekommen den Eintritt und organisieren die Veranstaltungen. Manfred Szendi, der Wirt, stellt für unsere Abende freundlicherweise zusätzliches Personal ein. Und wir bekommen den Raum gratis. Er hat sich das zuerst nicht vorstellen können. „Wer sollte denn da kommen …?“ Aber es hat bekanntlich funktioniert.


An manchen Tagen fast zu gut …

Seit Dezember ist es wirklich eng. Möglicherweise kamen anfangs auch viele Besucher:innen, weil unsere Bassistin Helene Glüxam knapp davor den Österreichischen Jazzpreis gewonnen hat. Dabei hat sie an diesem Abend gar nicht gespielt, sondern einer ihrer Substitute, David Dolliner.


Geht das so einfach?

Na ja, eigentlich schon. Ich habe mittlerweile eine Datei mit ca. 60 sehr kompetenten Musiker:innen, die Interesse bekundet haben, mitzuspielen. Das wirkliche Problem ist die manchmal extrem kurze Vorbereitungszeit, wenn bei einem kurzfristigen Ausfall beispielsweise jemand um 14:00 Uhr erfährt, dass um 17:00 Uhr die Probe beginnt.


Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine Big Band zu gründen? Schon Kapazunder wie Ellington, Basie oder Goodman haben unter dem wirtschaftlichen Druck geächzt.

Ich wollte schon immer eine Big Band haben, d. h. in einer solchen spielen. Als 14-Jähriger habe ich in einer Glenn-Miller-Coverband Baritonsaxophon gespielt. Davor habe ich bei den Pfadfindern Blasmusik gemacht. Das Wuchtige der Bläser und die große Gruppe haben mir immer unglaublich getaugt. Während des Studiums habe ich dann die „Very Big Carla Bley Band“ entdeckt. Da habe ich gleich selbst eine Big Band gegründet, einen Haufen Leute angerufen, natürlich nur die besten (Walter Malli beispielsweise) und obendrein eine wilde Besetzung zusammengestellt (u. a. Harfe und elektronische Instrumente). Letztlich habe ich kalte Füße gekriegt und es gelassen. Nach meinem Geburtstagsfest hat mich allerdings nichts mehr gehalten.


Bei einem eurer früheren Auftritte habt ihr viel Ellington und Mingus gespielt. Das war für mich wie ein Wunschkonzert.

Das machen wir inzwischen seltener. Wir mussten am Anfang ein Terrain finden, von dem wir ausgehen können. Aber es macht für mich keinen Sinn, eine Coverband, eine Museumsband zu sein. Es war am Anfang wichtig, die unterschiedlichen Musiker:innen quasi auf einen Nenner zu bringen. Das ist wirklich spannend. Unsere vier Trompeter z. B. könnten ja unterschiedlicher nicht sein. Walter Fend kommt ursprünglich eher aus dem klassischen Umfeld der ORF Big Band und hat über die „Nouvelle Cuisine Big Band“ ganz andere Sounds kennengelernt. Im Gegensatz zu Walter hat Thomas Berghammer seinen musikalischen Schwerpunkt auf die freie Improvisation gelegt. Und manche von ihnen mussten erst überzeugt werden, überhaupt in einer Big Band zu spielen. Lukas Aichinger, unser Schlagzeuger, meinte, es gäbe weit geeignetere Big-Band-Drummer als ihn. Dabei hat gerade er ganz konkrete Vorstellungen, was wir wie spielen sollen, und schreibt mittlerweile viele Stücke für uns. Er hat ein gutes Gespür dafür, wie eine Großformation funktioniert. Ich finde es wunderbar, wie er seinen Schlagzeugsound und seinen Komponierstil in den letzten Jahren entwickelt hat. Das kann man auch auf seinen vielen Alben schön hören. Jetzt ist er eine der tragenden Säulen der Band. Wir lieben seine Musik.


Dabei ist er fast zwei Generationen jünger als Walter Fend.

Er ist aber gar nicht unser Jüngster. Das ist Áki Ask Wellsandt an der Posaune. Er studiert noch, ist aber inzwischen fix dabei.


Ich habe den Eindruck, dass sich speziell euer Posaunensatz in den letzten Monaten sehr verändert hat.

Im Grunde sind wir eine sehr stabile Band, eigentlich fast noch immer in der Originalbesetzung. Nur im Posaunensatz gab es einige Bewegung. Philip Yaeger, der mich letztendlich zur Gründung der Band ermutigt hat, verfolgt momentan diverse eigene Projekte, beispielsweise im Jazzorchester Vorarlberg. Christina Lachberger ist in Karenz gegangen und unser Libero Robert Bachner hat sich nun überreden lassen, Bassposaune zu spielen. Es gibt, glaube ich, keine Big Band in Österreich, die auf Robert verzichten will. Ich kenne ihn schon seit 1992, noch vom Studium in Linz. Die meisten von uns sind in ganz unterschiedlichen Bandprojekten beschäftigt. Und trotz der vielen unterschiedlichen Charaktere funktioniert die Gruppendynamik. Ich glaube, wir sind eine nette Band. Wir gehen gut miteinander um. Ich wurde in Big Bands sozialisiert, in denen der raue Ton und das Herablassende Standard waren. Ich denke, es gelingt uns gut, Feedback zu geben, statt stumpfer Kritik. Wir sind jetzt mehr oder weniger befreundet und miteinander vertraut. Da kann man ein Solo auch einmal nachbesprechen, ohne sich auf den Schlips getreten zu fühlen. Das ist aber keine Einbahnstraße. Umgekehrt werden den Komponist:innen auch Interpretationen herangetragen und die Stücke entwickeln sich übers Papier hinaus weiter. Es müssen sich die verschiedenen Stile und Improvisationsarten der Einzelnen gut entwickeln können. Man sieht auf unseren Videos, wie wir uns übereinander freuen. Wir hören einander zu. Ich selbst bin kein despotischer Bandleader, wie etwa Charles Mingus einer war. Auch wenn es vordergründig einfacher aussieht, wenn man einfach nur seinen Kopf durchsetzen will.


Wer komponiert jetzt außer dir und Lukas Aichinger?

Helene Glüxam und Áki Ask Wellsandt. In unseren Konzerten mischen wir dann gern auch Ornette Colemans „Peace“ oder unsere Interpretationen von Carla Bley, klarerweise Charles Mingus, nachdem wir uns schon in Anlehnung an sein Stück „Wednesday Night Prayer Meeting“ benannt haben, oder etwa Gil Evans darunter. Das aber nur als Ausgangspunkt. Wie gesagt, wir sind keine Museumsband.


Ich dachte ursprünglich aufgrund eures Namens, dass ihr in erster Linie Kompositionen von Charles Mingus spielt.

Der Name kam eigentlich erst, nachdem wir uns schon gegründet hatten. Die meisten von uns unterrichten montags und dienstags. Ihre eigenen Konzerte finden Donnerstag bis Samstag statt, eventuell auch am Sonntag; blieb uns also nur der Mittwoch. Und von Mingus gibt es diese Hommage an den Gospel aus seiner Kindheit, was sehr gut zu uns passt.


Witzig, die Musiker von Gil Evans‘ Monday Night Orchestra hatten gerade montags frei.

Ich hatte einmal mit Robert Bachner eine Big Band, die sich unverfroren nach dem Monday Night Orchestra genannt hat. Wir haben in den Jahren 1999 bis 2001 während der warmen Jahreszeit jeden Montag im Volksgarten, in der „Banane“, zum Tanz aufgespielt; viel Basie.


Ihr wechselt im September für eine Saison ins Wiener Porgy & Bess. Wie wird man eigentlich Stage Band?

Im gemeinsamen Austausch über die Entwicklung des Orchesters kam von Christoph Huber das Angebot, die Stage Band für die Saison 2026/27 zu stellen. Das ist für unsere Band natürlich eine großartige Plattform. Passenderweise werden wir in unserem ersten Konzert das neue Album vorstellen können. Wir haben dort schon einmal vor zwei Jahren gespielt.

Das Porgy bietet uns ganz andere akustische und konzeptionelle Möglichkeiten, wie wir unsere Programme ausbauen können. Die Intimität des Little Stage war unser Brutkasten, jetzt freuen wir uns auf den Raum, den das Porgy uns und unseren Gästen im nächsten Jahr bietet.


Ganz am Anfang habe ich Clemens Salesny im Gastraum herumgeistern gesehen. Und nach ein paar Konzerten saß er auf der Bühne.

Und spielt noch dazu Tenorsaxophon! Sonst kenne ich ihn eher am Alt. Am Anfang hat er substituiert, seit zwei Jahren ist er festes Mitglied. Ich bin extrem froh, dass er dabei ist. Clemens hört und weiß, wenn etwas nicht passt, und er ist eine wichtige Stimme, wenn er mit seinem großen Wissen korrigierend eingreift. Er hat auch ein großes Musikarchiv, genauso wie Christian Gonsior. Christian sammelt wohl eher internationalen afroamerikanischen Jazz. Clemens weiß über österreichischen Jazz Bescheid wie kaum jemand sonst. Soweit ich weiß, hat er viel Zeit mit dem schon verstorbenen Jazzhistoriker Klaus Schulz verbracht. Ich finde, er sollte an einer Uni unterrichten, wo er Raum hat, seine Sache zu entwickeln. Wir haben nicht zuletzt durch ihn die Big-Band-Musik von Hans Koller quasi wiederentdeckt. Koller hat ganz Eigenständiges komponiert und eingespielt. Wir haben schon begonnen, seine „Music for Charles Mingus“ zu spielen. Dann gibt es auch die Suite „New York City“, in der er sich einzelnen Stadtteilen widmet. Mir liegen diese Kompositionen sehr, wenn fast klassische Sätze in freie Soli übergehen. Auch die für Jazzkompositionen beachtliche Länge spricht mich sehr an.


Eine private Frage. Du und Katharina Hohenberger, ihr seid doch ein Paar. Wie geht es euch mit euren unterschiedlichen Musiken? Katharina ist ja im Wiener Lied zu Hause.

Wir haben ein einziges Mal, vor etlichen Jahren, noch mit ihrem Vater zusammen gespielt. Wir arbeiten viel zusammen, weil wir uns gegenseitig beraten und briefen. Wir tauschen uns sehr intensiv aus. Aber wir machen sehr unterschiedliche Musik und treten nicht gemeinsam auf.


Hast du nicht auch einmal für den Steirischen Herbst gearbeitet?

Ja, zusammen mit Jorge Sánchez-Chiong. Er hat ein Solo für Baritonsaxophon und Symphonieorchester geschrieben, das wir mit dem RSO unter Dennis Russell Davies aufgeführt haben. Aus diesem Komponistenkreis hat sich auch die Band Superlooper entwickelt, mit der ich einige Zeit tourte. Aber dann hatte ich eines Tages keinen Grund mehr, auf die Bühne zu gehen, und habe 14 Jahre lang keine Konzerte mehr gespielt. Mein Baritonsaxophon lag unterm Bett, irgendwann habe ich es verkauft. Einzig die Betreuung einer Amateurbigband habe ich nicht aufgegeben. Die waren eine wichtige Stütze und sind ein großer Freundeskreis, der nur für diese Band das Spielen auf unterschiedlichsten Instrumenten gelernt hat – jeden Dienstag. Zuerst Probe, dann Wirtshaus. Inzwischen übe ich selbst auch wieder fast täglich.


Wie waren eigentlich die CD-Aufnahmen?

Wir waren zwei Tage im Studio 2 des Radiokulturhauses und haben in insgesamt etwa neunzehn Arbeitsstunden elf Stücke aufgenommen. Vier von Lukas, eines von Helene, eines von Áki und fünf von mir. Christian Radovan, früher Posaunist des Vienna Art Orchestra, war unser kompetenter Aufnahmeleiter. Gemischt und gemastert werden die Aufnahmen von Martin Siewert. Beim Konzert im Sendesaal waren wir dann schon etwas drüber, quasi auf einem anderen Level. Jedenfalls hat es uns und dem Publikum sehr getaugt. Und wir haben, wie üblich, maßlos überzogen. Das Konzert wurde vom ORF mitgeschnitten und wird wohl im September auf Ö1 gesendet. Wir selbst werden einen Konzertfilm davon im Herbst veröffentlichen.


Erscheint euer Album bei Ö1?

Nein, es ist ein Release unseres eigenen Labels. Wir haben uns für die Aufnahmen im Radiokulturhaus eingemietet und wurden vom dortigen Team großartig betreut.


Vinyl oder CD?

Es wird eine CD und auf alle Fälle ein Vinyl-Doppelalbum geben. Beim Vinyl wollen wir jede Seite mit einer Kadenz beginnen lassen. Ich arbeite gerade an der Covergestaltung, die von einem Wandteppich der Textilkünstlerin Anni Albers inspiriert ist. Heißen wird das Album „Look See Love Know“ nach einer meiner Kompositionen. Der Titel lädt ein, über die eigenen Maximen nachzudenken: Schauen oder Werten, Offenheit versus Urteil, die eigene Erkenntnis versus die der anderen …


Ist Bandcamp für euch ein Thema?

Später ja, aber zuerst bieten wir physische Tonträger an. Wir haben auch gerade eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext gestartet, um die Produktion des Albums zu finanzieren.


Gibt es schon konkrete Programmvorstellungen für die zehn Konzerte im Porgy & Bess?

Ja, natürlich. Aber die werden hier noch nicht verraten. Wir werden unser Programm mit neuen eigenen Kompositionen von z. B. Christian Gonsior und Stephanie Weninger erweitern. Auch Robert Bachner hat sicher etwas in der Schublade, Thomas Berghammer denkt über eine geführte Improvisation nach … Ich selbst arbeite an einer abendfüllenden Komposition, einem Konzert für Trompete und Big Band.

WEB-TIPP: https://wednesdaynightprayerorchestra.com

LIVE-TIPPS:

Mi. 30.09., 20:30 Uhr: Porgy & Bess
Mi. 21.10., 20:30 Uhr: Porgy & Bess
Mi. 11.11., 20:30 Uhr: Porgy & Bess

Crowdfunding für das neue Album, unterstützen Sie das Ensemble

Wolfgang Suschnig