Zehn Tage musikalische Entdeckungen

Das 44. Südtirol Jazzfestival Alto Adige hat einmal mehr bewiesen, warum es zu den spannendsten Jazzfestivals Europas zählt. Zehn Tage lang verwandelte sich ganz Südtirol in eine klingende Landschaft, in der sich Musik und außergewöhnliche Orte zu einem stimmigen Gesamterlebnis verbanden. Über 50 Konzerte führten das Publikum nicht nur in Konzertsäle, sondern auch in Industriehallen, Burgen, Weingüter, Kirchen und sogar tief unter die Erde. Gerade diese Verbindung aus Landschaft, Architektur und Musik macht den unverwechselbaren Charakter des Festivals aus.

30-06-2026: Rafaëlle Rinaudo (Harp) Foto: Tim Dickeson

Schon die Eröffnung mit dem Gard Nilssen Supersonic Orchestra setzte ein kraftvolles Ausrufezeichen. Danach zerstreuten sich die Musiker in kleineren Formationen über das ganze Land und sorgten für spontane Begegnungen, die den improvisatorischen Geist des Jazz eindrucksvoll widerspiegelten. Ebenso begeisterte das Goran Kajfeš Subtropic Arkestra mit seinem farbenreichen Mix aus Jazz, Rock und Psychedelia auf dem Waltherplatz. Einen außergewöhnlichen Rahmen fand das französische Trio Spin & Spells in der Roner-Destillerie in Tramin, während die italienische Geigerin Anaïs Drago mit einem Soloprogramm im Klimastollen von Prettau für ein beinahe meditatives Hörerlebnis sorgte.

Ein Markenzeichen blieben auch heuer die improvisierten Sessions im Waaghaus in Bozen. Hier entstanden musikalische Begegnungen ohne Proben und ohne Sicherheitsnetz – spannend, überraschend und oft die emotionalsten Momente des Festivals. Bis tief in die Nacht wurde anschließend im Batzen Sudwerk weiter musiziert.

Neue Konstellationen

Dass sich das Südtirol Jazzfestival nicht auf die üblichen Bühnen beschränkt, gehört längst zu seinem Konzept. Besonders deutlich wurde das beim Duo Pettersen/Hegdal, das auf dem Vigiljoch spielte, während Kit Downes die Orgel der Stiftspfarrkirche Gries für seine musikalischen Erkundungen nutzte. Wieder anders waren die Voraussetzungen für das Schweizer Trio Knobil im Hotel Bad Ratzes. Und zum Finale führte der Weg für das Sheen Trio in den Wunderwald nach Klobenstein. So unterschiedlich Musik und Besetzungen waren, gemeinsam war diesen Konzerten vor allem eines: Der jeweilige Ort war weit mehr als bloße Kulisse.

Auch größere Formationen fanden ihren Platz. Auf der Festung Franzensfeste traf der Multiinstrumentalist Matthias Schriefl auf die Musikkapelle Schabs sowie Musiker seines brasilianischen Projekts. Blasmusik und Jazz standen dabei nicht als Gegensätze nebeneinander, sondern boten reichlich Material für ein Spiel mit unterschiedlichen musikalischen Traditionen. Schriefl war zwei Tage später auch bei Brazilian Motions dabei. Für dieses Projekt mussten Musiker wie Publikum zunächst selbst in Bewegung kommen: Ziel einer mehrstündigen Wanderung war St. Martin am Schneeberg, wo auf knapp 2.400 Metern das gemeinsame Konzert stattfand.

Neue Konstellationen

Einen anderen Ansatz verfolgte die Euregio Jazzwerkstatt, die auch 2026 wieder Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichen Szenen zusammenführte. Unter der Leitung von Laura Zöschg waren diesmal Ruth Goller, Chiara Chistè, Yvonne Moriel und Felix Nussbaumer beteiligt. Im Vordergrund stand nicht die Präsentation eines längst fertigen Programms, sondern die gemeinsame Arbeit an neuen Kompositionen – und damit genau jene Offenheit, von der ein Festival dieser Art lebt.

Dass dafür nicht immer ein klassischer Konzertablauf notwendig ist, demonstrierte KABARILA im Batzen Sudwerk besonders ausdauernd. Lukas Kranzelbinder, Delphine Joussein, Johannes Schleiermacher und Simon Popp trafen dort auf die Tänzer Ceren Oran, Jaroslav Ondruš und Dante Murillo. Über fünf Stunden entwickelte sich aus Musik, Improvisation und Bewegung ein Format, bei dem es keinen vorgeschriebenen Zeitpunkt zum Kommen oder Gehen gab.

Am Ende waren es gerade diese unterschiedlichen Situationen, die der 44. Ausgabe ihr Profil gaben. Kirche, Hotel, Festung, Wald, Club oder ein Ziel hoch oben am Schneeberg: Das Festival schickte Musiker und Publikum quer durch Südtirol und stellte immer wieder neue Konstellationen her. Dabei erwiesen sich die ungewöhnlichen Spielorte dann als besonders überzeugend, wenn sie nicht bloß spektakuläre Szenerie lieferten, sondern tatsächlich etwas mit der Musik machten.

Das 45. Südtirol Jazzfestival Alto Adige findet von 25. Juni bis 4. Juli 2027 statt.

Web-Tipp: www.suedtiroljazzfestival.com