Jure Pukl – Leidenschaftliches Plädoyer für das Analoge
Anlässlich seines neuen Albums Analog AI (Unit Records) rücken wir einen Musiker ins Zentrum, der seit Jahren konsequent an einer eigenen Sprache zwischen Intellekt und Intuition arbeitet. Jure Pukl, 1977 im slowenischen Velenje geboren, zählt längst zu den eigenständigsten Saxofonisten Europas – ein Klangdenker, der sich gleichermaßen aus Jazzgeschichte, Philosophie und Gegenwartskunst speist.

Pukl studierte klassisches und Jazz-Saxophon in Wien und Den Haag, später mit einem Stipendium am Berklee College of Music bei Joe Lovano und George Garzone. Den Masterabschluss machte er an der Musikuniversität Graz. Früh schon verband er akademische Strenge mit der Neugier eines Entdeckers. 2015 erhielt er den Prešeren-Fond-Preis, Sloweniens höchste Auszeichnung für kulturelle Leistungen – eine seltene Ehrung für einen Jazzmusiker. Seither pendelt er zwischen Ljubljana, Wien und New York, unterrichtet als Assistenzprofessor an der Musikakademie Ljubljana und bewegt sich mühelos zwischen Clubs wie Porgy & Bess, dem Village Vanguard oder der Jazz Gallery. Auf der Bühne stand er bereits mit Branford Marsalis, Esperanza Spalding, Vijay Iyer, Maceo Parker, Gregory Hutchinson, Marcus Gilmore oder Aaron Goldberg – eine Liste, die seine internationale Verankerung belegt.
Von Ljubljana nach Brooklyn – die Entwicklung eines Freigeists:
Sein erstes Album „The Wizard“ (2003) zeigte Pukl als jungen Bandleader, der sich noch an Wayne Shorter und Pat Metheny orientierte. Eine solide, etwas akademische Produktion, die bereits durch modale Experimente und klare strukturelle Ideen auffiel. Der nächste Schritt folgte 2010 mit „EARchitecture“ (Session Work Records) – aufgenommen mit New-York-Musikern wie Marcus Gilmore und Arún Ortiz. Hier offenbarte sich ein Musiker, der mit Rhythmus, Form und Raum zu spielen begann. Vijay Iyer schrieb in den Liner Notes: „The first thing you notice is the mystery.“
2018 dann „Doubtless“ (Whirlwind Recordings): ein intensives Quartett mit Melissa Aldana, die damals eine wichtige musikalische Weggefährtin war, sowie Joe Sanders und Gregory Hutchinson. Zwei Tenorsaxophone, die sich gegenseitig spiegeln, provozieren, trösten. In der Concerto-Rezension (Ausgabe 3/18, Seite 58) hieß es, das Album sei „ein angeregtes Gespräch über Zustimmung, Widerspruch, Plaudern, Streit – durchzogen von jener Offenheit, die Pukls Spiel auszeichnet“. Diese Fähigkeit, Musik als Dialogform zu begreifen, zieht sich bis heute durch sein Schaffen.
Mit „Broken Circles“ (2020, ebenfalls Whirlwind) ging Pukl einen Schritt weiter. Vibraphon-, Gitarren- und Electronics-Klangfelder weiteten das Spektrum – ein Statement über gesellschaftliche Brüche und das Streben nach Balance. Schon hier deutete sich jene Reflexionsebene an, die nun in „Analog AI“ voll zur Geltung kommt.

Analog AI – Musik als organische Intelligenz
Mit „Analog AI“ (Unit Records, 2025) stellt Jure Pukl die vielleicht entscheidende Frage unserer Zeit: Wie kann Musik Menschlichkeit bewahren, wenn Künstliche Intelligenz längst begonnen hat, das Komponieren und Performen zu imitieren? Seine Antwort ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Analoge, das Spontane, das Unwiederholbare. An seiner Seite: John Escreet (Piano/Keys), Joe Sanders (Bass) und Christian Lillinger (Drums) – drei Persönlichkeiten, die Pukls Suche nach dem „wahren Moment“ kongenial unterstützen. Der Sound ist dicht, körperlich, direkt. Pukl schreibt keine Themen, um sie abzuspulen, sondern um sie zu öffnen. Die Rhythmen sind komplex, aber nie verkopft; Harmonien dehnen sich weit, Escreets Keyboardflächen treffen auf Lillingers präzise, kantige Schlagzeugarchitektur. Darüber Pukls Tenor: mal warm und weich, dann hell, klar und aufbrechend. Walter Smith III formulierte es im Booklet treffend: „Wahre Freiheit in der Musik zu erreichen, ist schwer. Sie entsteht erst, wenn man nichts mehr beweisen muss.“ Genau das passiert hier. „Analog AI“ klingt, als würde eine Band denken – gemeinsam, atmend, lauschend. Pukl steht damit exemplarisch für eine Generation europäischer Jazzmusiker, die sich nicht an amerikanische Vorbilder anlehnt, sondern eigene Positionen entwickelt: intellektuell, sinnlich, konsequent. Seine Musik reflektiert, ohne zu dozieren, und bleibt offen, selbst dort, wo sie sich verdichtet. lefre
AKTUELLE CD
- Jure Pukl Analog AI, Unit Records, Vertrieb: Membran
WEITERE CD-TIPPS
- Jure Pukl „The Wizard Quintet, Goga (2003)
- Jure Pukl „EARchitecture“, Session Work Records (2010)
- Jure Pukl „Doubtless“, Whirlwind Recordings (2018)
- Jure Pukl „Broken Circles“, Whirlwind Recordings (2020)
WEB-TIPP

