Norma Winstone – The Art of Sound and Silence

Eine britische Stimme zwischen Poesie und Klang – und bald live beim Jazz am Bach in Götzis

Norman Winstone / copy Tim Dickinson

Wenn man über die großen Stimmen des europäischen Jazz spricht, fällt ihr Name mit einer Selbstverständlichkeit, die wenig Aufhebens braucht: Norma Winstone. Seit den späten Sechzigern steht sie für einen Gesang, der nicht „über“ der Musik thront, sondern sich mit ihr verbindet – eine Stimme, die Farben malt, Linien spannt, Räume öffnet. Oft ohne Worte, immer mit Bedeutung. In einer Zeit, in der die Lautstärke häufig als Maßstab gilt, kultiviert Winstone die Kraft der Nuance: Andeutung, Verdichtung, Stille.

„Die Szene war damals sehr lebendig“, erinnert sie sich an ihre Anfänge in der Londoner Jazzwelt. „Es gab viele talentierte Komponisten wie Kenny Wheeler, Mike Gibbs, Mike Westbrook oder Michael Garrick, die Originalwerke schrieben – beeinflusst von amerikanischem Jazz, aber mit einem europäischen Geschmack.“ Dieser europäische Ton – lyrischer, kammermusikalischer, deutungsfreudiger – wurde auch zu ihrer künstlerischen Heimat. Mit Michael Garrick kam der entscheidende Moment: Er bat sie, bei einem Konzert ein neues Stück zu singen. Es gab keinen Text. „Ich nahm ein wortloses Solo, und das war mein erster Moment als ‚wordless voice‘.“ Aus dem Experiment wurde Haltung. Garrick bat sie, im Ensemble mitzuwirken, „die Saxophonstimmen zu singen“ – eine Aufgabe, die sie an die Ränder des Gewohnten führte. Kurz darauf riefen auch Kenny Wheeler und Mike Westbrook an; die Stimme als Instrument war plötzlich kein exotischer Effekt mehr, sondern ein klar formulierter künstlerischer Weg.

Gemeinsam mit John Taylor und Kenny Wheeler prägte Winstone später jene zarte, atmende Spielweise, die als „European Chamber Jazz“ in die Geschichte einging. Es war Manfred Eicher, der aus der Intuition eine Formation machte. Winstone erzählt die Szene mit leuchtenden Augen: John Taylor hatte gerade einen Synthesizer gekauft, bastelte am Vorabend einen Loop und bat sie, darüber zu improvisieren. Als Eicher diese Skizze hörte, sagte er sinngemäß: Da fehlen Flügelhorn und Stimme – und schlug Kenny Wheeler vor. Azimuth war geboren. Was folgte, war kein Kanonendonner, sondern ein diskreter Paukenschlag: Musik aus Licht und Schatten, aus Atem und Struktur, weit entfernt von Jazz-Klischees, nah an einer europäischen Ästhetik der kammermusikalischen Verdichtung.

Norma Winstone – live / copyright: Tim Dickinson

Dass Winstone die Jahre danach nicht auf einen Stil festlegen wollte, belegen die Begegnungen mit Musiker:innen aus allen Himmelsrichtungen – Ralph Towner, Egberto Gismonti, Fred Hersch, Maria Pia De Vito und viele andere. „Musik ist eine universelle Sprache“, sagt sie schlicht. „Natürlich werden wir von unserer Herkunft geprägt, aber das spielt keine Rolle, wenn man gemeinsam Musik macht. Das Entscheidende ist die Verbindung.“ Dieses Vertrauen in den Dialog – in die Möglichkeit, dass unterschiedliche Hintergründe miteinander ineinandergreifen – zieht sich wie ein Faden durch ihr Werk.

Nach einigen ruhigeren Jahren kehrte Winstone 2024 mit einer neuen ECM-Arbeit zurück: „Outpost of Dreams“, ein konzentriertes Duo mit Kit Downes. „Ich war mir seiner Musik schon länger bewusst“, erzählt sie. Die erste Zusammenarbeit kam in London zustande: ein Trio-Konzert, bei dem Downes alles, was sie ihm hinhielt, mit frappierender Leichtigkeit umsetzte. „Es gab eine sofortige Verbindung.“ Kurz darauf spielte man in einer Trio-Reihe mit Tim Garland – und dort fiel der Satz, der ein Album eröffnete: „Kit said he would love to record in duo with me. I was both surprised and thrilled.“ „Diese besondere musikalische Verbindung zwischen Musiker:innen ist schwer zu beschreiben“, sagt Winstone, „doch wenn sie da ist, entsteht ein Verstehen jenseits der Worte.“

„Outpost of Dreams“ zeigt all das, wofür ihre Kunst steht: behutsame Offenheit, durchdrungene Melodik, rhythmisches Atmen statt Takterotik – und Texte, die nicht aufgesetzt wirken, sondern aus der Musik heraus sprechen. „Meine Lyrics entstehen immer aus der Musik heraus“, sagt sie. „Ich suche nach den Worten, die schon in der Musik verborgen sind. Sie sollen das Stück vertiefen, nicht nur einen Vorwand bieten, um zu singen.“ Dieses Selbstverständnis ist zentral: Die Stimme als Instrument, die Sprache als feines Licht, das Klangflächen modelliert. „Nicht jedes Stück braucht Worte – aber wenn ich Worte singe, dann müssen sie etwas ausdrücken, das bleibt. Es ist wie Malen mit Sprache. Ich mag ein bisschen Geheimnis – nicht immer eine konkrete Geschichte.“

Dass vor „Outpost of Dreams“ keineswegs Funkstille war, betont sie ausdrücklich. Zwischen 2009 und etwa 2017 arbeitete sie im Trio mit Glauco Venier (Piano) und Klaus Gesing (Sopran- und Bassklarinette) – vier Alben bei ECM, die jene leise Intensität weitertrugen, für die ihr Name steht. Das erste dieser Werke, „Distances“, wurde sogar für einen Grammy nominiert. Ein schöner Beleg dafür, dass leise Musik weit tragen kann.

2025 schlägt Winstone eine andere Farbe an: „Seascape“ mit dem Atlantic Jazz Collective – eine Besetzung mit größerem Ensembleklang, die dennoch Luft lässt. Der Bassist Jim Vivian hatte die Fäden in der Hand; Begegnungen aus früheren Kanada-Aufnahmen (Azimuth mit der Maritime Jazz Orchestra) wurden wieder lebendig. Florian Hoefner am Piano, Joe LaBarbera am Schlagzeug (mit dem Winstone bereits mit Jimmy Rowles aufgenommen hat), Mike Murley am Saxofon: „Ich fand die Besetzung wunderbar – wir suchten dann gemeinsam nach Songs, die das Ganze zum Leben erwecken.“ Gegenüber dem Duo mit Downes bedeutet „Seascape“ kein Gegengewicht, sondern einen Spannungsbogen zwischen Intimität und Weite. Die gleiche poetische Haltung, nur mit breiterem Pinselstrich.

Norma Winstone / copyright Michael Putland

Vielleicht ist es dieses Verflechten von Formaten – das Duo, das Trio, das Kollektiv -, das ihre Kunst bis heute frisch hält. Mal konzentriert Winstone die Welt auf das Minimum, mal öffnet sie den Raum für andere Stimmen. Wichtig ist ihr stets das Miteinander: „We’re all accompanying each other“ – ein Satz, der in seiner Einfachheit ihr künstlerisches Ethos zusammenfasst. Kein Solist als Sonne, um die alle kreisen, sondern ein Gemeinsames, das sich zwischen den Beteiligten ereignet.

Im Februar 2026 ist Norma Winstone beim Festival Jazz am Bach in Götzis zu hören – ein Österreich-Auftritt, auf den man sich freuen darf. Sie erwartet dort womöglich ein Publikum mit mehr klassischer Prägung: „Ich habe das Gefühl, dass es dort vielleicht ein eher klassisches Publikum geben wird“, sagt sie, ohne jede Scheu vor Grenzgängen. „Wir werden Stücke aus ‚Outpost Of Dreams‘ spielen, sicher auch frei improvisieren – und hoffentlich haben wir bis dahin ein paar neue Stücke im Repertoire.“ Genau das ist ihr lebendiger Kern: die Bereitschaft, nicht nur Bewährtes zu wiederholen, sondern dem Augenblick zu vertrauen – und damit den eigenen Kanon weiterzudenken.

Dass Winstone gerne mit jüngeren Musiker:innen arbeitet, ist kein pädagogisches Programm, sondern Ergebnis von Neugier und Respekt. „Ich liebe es, mit jüngeren Künstlern zu arbeiten und herauszufinden, was uns verbindet. Es sind nicht mehr viele meiner Generation aktiv, aber das spielt keine Rolle. Solange die Liebe zur Musik da ist, lohnt sich jede Begegnung. Wir lernen alle ständig voneinander – aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart, und hoffentlich auch in Zukunft.“ In Zeiten, in denen Debatten oft verhärten, wirkt dieser Satz wie ein Angebot: Die Musik als gemeinsamer Resonanzraum, in dem Herkunft, Schule, Generation weniger trennen, als dass sie Perspektiven erweitern.

Man kann diesen künstlerischen Weg auch als Choreografie der Nähe beschreiben. In den späten Sechzigern tritt Winstone als „wordless voice“ aus der Tradition heraus, um mit Komponisten wie Wheeler, Westbrook und Garrick neue Verbindungen zu knüpfen. In den Siebzigern und Achtzigern formt sie – mit John Taylor und Kenny Wheeler – jenen dünnhäutigen, hellwachen Sound, der den europäischen Jazz nachhaltig geprägt hat. Später finden ihre Projekte die Balance zwischen Sprache und Klang neu: im Trio mit Venier und Gesing, in Alben wie „Distances“, die zeigen, wie musikalische Feinzeichnung große Räume öffnen kann. Und jüngst eben im Duo mit Kit Downes – „Outpost of Dreams“ – sowie im Ensembleformat von „Seascape“. Der Bogen ist groß, aber nie zerfasert; was bleibt, ist eine klare Handschrift, die auf das Wesentliche zielt.

Vielleicht erklärt sich daraus, warum Winstone bis heute so präsent wirkt. Sie kokettiert nicht mit Stil-Masken, sie sucht die richtige Form für den Moment. Manchmal sind das wenige Töne, ein Atem, eine Linie, die gerade nicht aufgelöst wird. Manchmal ist es ein Text, der nicht erklärt, sondern Grenzen verschwimmen lässt – „ein bisschen Geheimnis“, wie sie sagt. Oft ist es das Zusammenspiel, das trägt: „Wenn die Liebe zur Musik da ist, lohnt sich jede Begegnung.“

So klingt Norma Winstone 2025: konzentriert, wach, zugewandt. Eine Künstlerin, die in der Stille mehr sagt als andere in tausend Worten – und die gerade deshalb so gegenwärtig ist. Götzis wird das im Februar zeigen: Musik, die nicht drängt, aber dringend ist; die ohne großes Pathos auskommt und doch tief berührt. Wer ihre Alben kennt, wird gespannt sein auf die freieren Zonen des Konzerts; wer sie zum ersten Mal hört, wird staunen, wie selbstverständlich eine Stimme mit den Instrumenten atmen kann.

Am Ende dieser langen, leisen Linie steht vielleicht kein Ausrufezeichen, sondern ein Doppelpunkt. Einer, der Raum öffnet: für die nächsten Lieder, die nächsten Begegnungen, die nächsten unerhörten Momente. „Long may the love of music continue“, sagt sie – und man glaubt ihr jedes Wort. lefre/hörb

CD-Tipps:
Norma Winstone / Atlantic Jazz Collective (Jim Vivian, Florian Hoefner, Mike Murley, Joe LaBarbera)
„Seascape“, Atlantic Jazz Collective (2025)
Norma Winstone / Kit Downes
„Outpost of Dreams“, ECM Records (2024)
Norma Winstone / Glauco Venier / Klaus Gesing
„Descansado – Songs for Films“, ECM Records (2018)
Norma Winstone / Glauco Venier / Klaus Gesing
„Dance Without Answer“, ECM Records (2013)
Norma Winstone / Glauco Venier / Klaus Gesing
„Stories Yet To Tell“, ECM Records (2010)
Norma Winstone / Glauco Venier / Klaus Gesing
„Distances“, ECM Records (2008)
Azimuth / John Taylor / Kenny Wheeler / Norma Winstone
„Azimuth“, ECM Records (1977)

Live-Tipp:
Wer die Grande Dame des europäischen Jazzgesangs live erleben möchte, hat im Februar Gelegenheit dazu: Norma Winstone tritt gemeinsam mit Pianist Kit Downes beim Festival jazzambach (18.–22. Februar 2026) in Götzis (Vorarlberg) als Hauptakt auf.

Alle Details zum Festivalprogramm finden Sie auf der folgenden Seite.