Rubrik "Tonträger"

Jazz Austria

CONCERTO 3/99

Otto Lechner
W. Puschnig
Achim Tang
Dhafer Youssef
Hot Room ****

Extraplatte EX 393-2
Vertrieb: Extraplatte (A)

Die Protagonisten musizieren hier nicht etwa gleichzeitig, die CD stellt Ausschnitte aus vier Solokonzerten vor. Das Einzigartige dabei ist die Location. Es handelt sich dabei nämlich um das Tepidarium, einen kegelförmigen Heißluftraum, im Badehaus des Wiener Wohn- und Kulturprojektes Sargfabrik. Das Tepidarium hat seinen Ursprung in der antiken Badekultur und ist Teil eines Systems von Warmlufträumen unterschiedlicher Temperatur. Die besondere Akustik des Raumes ließ die Idee entstehen, hier eine Reihe von Solokonzerten zu veranstalten. Auf der CD "Hot Room" macht Otto Lechner den Anfang mit "Variation 1 über den Plubutsch" und bläst die Melodika, eines der von Eltern musikalisch ambitionierter Kinder gefürchtetsten Blasinstrumente. Nichts erinnert an das grausame Potential, das in dem Gerät steckt. Lechner läßt es singen und singt selbst mit. Die Intensität seiner Musik steigert sich in der 2. Variation. Dem Akkordeon entlockt er pulsierende Akkorde und Cluster, füllt damit den ganzen Raum, reizt ihn akustisch aus und läßt ihn in Schwingung geraten. Klänge entstehen in der Luft und bleiben im Raum hängen. Melodiöser wird es in seinem dritten Teil, dem Thema "Der Plubutsch". Lechner wird hier jazziger, auch die eine oder andere "blue note" schlägt durch. Wolfgang Puschnig beginnt seinen Part mit der Hojak, einem asiatischen Rohrblattblasinstrument, dessen Klang einem Westler normalerweise einiges an Nervenstärke abverlangt, sich aber durch den Hall im Tepidarium recht harmlos ausnimmt. Im Stück "Community" läßt Puschnig das Publikum arbeiten. In Windeseile lernen die aufmerksamen ZuhörerInnen, einen rhythmischen Pattern zu singen, und der Meister "flötet quer" darüber. Wer Puschnig kennt, der weiß, wie wichtig ihm die Melodie ist, seine Improvisationen gehen in gewohnter Manier unter die Haut.
Kontrabassist Achim Tang fängt sein Solo dissonant streichend an, reduziert, spielt mit Geräusch und Stille, findet zum Groove, setzt dann wiederum den Bogen ein, schlägt auf die Saiten, experimentiert mit den lokalen Gegebenheiten des Raumes und läßt Obertöne erklingen.
Dhafer Youssef kontrastiert mit Gesang im arabischen Stil, spart nicht gerade mit Vibrato: "Who’s that fucking bloody singer?" – Der Titel stammt von ihm selbst! Er greift schlußentlich doch zu seinem Instrument, der Oud. Es folgen einige wirklich schöne Passagen fragiler Saiteninstrumentalistik. Ein interessantes Projekt, eine hörenswerte CD, die das Klangerlebnis eines Livekonzertes nur eingeschränkt vermitteln kann und mitunter an die legendären Inside-"wo-auch-immer"-Einspielungen von Paul Horn erinnert. esox

Uli Rennert
Timearrow
***
Extraplatte EX 371-2
Vertrieb: Extraplatte (A)

Nach der Produktion "Homepage" von Uli Rennerts Band Timesquare stellt der Pianist nun ein Soloalbum mit dem Titel "Timearrow" vor und präsentiert sich erstmals auch als Schlagzeuger. Austro-Germane Rennert liebt es, mit einfachen Lead-Sounds am Synthesizer zu improvisieren, kontrastiert Dargebotenes jedoch gerne mit dem Klang des Steinwayflügels. Er legt Wert darauf zu betonen, daß er auf den Einsatz von Sampling Instrumenten völlig verzichtet – eingefleischte Elektronikfreaks werden es ohnehin merken, die anderen wird es nicht wirklich interessieren. Die CD beginnt mit dem sechsminütigen "The Minute Minuet", unterteilt in sechs Stücke à sechs Minuten, Fragmente von groovig bis experimentell, von akustisch bis elektronisch, sentimental bis skurril. Rennert schafft gerne Strukur, in dem er seine Kompositionen zerlegt, zum Beispiel in "Movements", die selten eine Länge von zwei Minuten überschreiten. HörerInnen werden es aber kaum zustande bringen, ohne das CD-Cover zur Hand zu nehmen, diese Zusammenhänge zu erkennen. Positiv hervorzuheben ist der erste Teil des Medleys "In A Trane Mood"- basierend auf dem Ellingtonklassiker "In A Sentimental Mood", gewidmet John Coltrane. Am Flügel kehrt Rennert hier den Vollblut-Pianisten mit all seinen technischen Fähigkeiten und seinem Raffinement hervor. Im zweiten Teil des Medleys bearbeitet Uli Rennert am Synthesizer den Standard "Beautiful Love" und begleitet sich selbst am Schlagzeug. Rennert setzt mit den Drums und Perkussionsinstrumenten farbige Akzente, doch dort, wo er das Schlagzeug sozusagen als klassischen Rhythmusgeber einsetzt, wirkt es leider ein wenig unprofessionell. Nur allzu offensichtlich wird hier die Tatsache, daß das Schlagzeug eben nicht sein erstes Instrument ist. "Timearrow" ist kein spektakulärer Wurf – aber einige schöne Momente bringt die CD allemal. esox

W. Puschnig
Mark Feldman

Spaces*****
Emarcy 538 604-2
Vertrieb: Universal

Hans-Koller-Preisträger Wolfgang Puschnig hat ein Faible für Duette. Immer wieder hat er mit wechselnden Partnern (Jamaaladeen Tacuma, Uli Scherer, Wolfgang Mitterer, Steve Swallow, Linda Sharrock, Carla Bley u.a.) diese intimste Form des Zusammenspiels gesucht und zu höchster Perfektion gebracht. So auch auf seinem neuesten Opus "Spaces", eingespielt mit dem amerikanischen Ausnahmeviolinisten Mark Feldman.
Wer meint, die – zugegebenermaßen exotische – Paarung von Saxophon/ Flöte mit Violine müsse abgehoben und langweilig klingen, wird schon nach wenigen Takten eines Besseren belehrt. Diese Zusammenarbeit macht Sinn und ergibt mehr als die Summe der Einzelteile: einmal ergreifend und schlicht ("Elegy"), gleich darauf in intensiv-groovigen Dialog tretend ("Hommages"), den jeweils solierenden Partner zurückhaltend begleitend ("Scarlet Ribbon") oder aber mit ironischem Augenzwinkern ("On") – Puschnig/Feldman ziehen viele Register, und sie tun es nicht des Showeffekts willen. In erster Linie dürfte es ihnen um die im CD-Titel stehenden Zwischenräume gehen und darum, wie man Pausen richtig setzt, Abstand gewinnt und sich im geeigneten Augenblick dem Duopartner annähert, ohne ihn einzuengen. schu

Art Farmer
In Europe ****

Enja (Horst Weber) CD 9113-2
Vertrieb: EMV (A), Phonag (CH)

28 Jahre lang hütete Ernst Knauff, ehemaliger Betreiber des Münchner Domicile, den Schatz eines Konzertmitschnitts des Art-Farmer-Quartetts, ehe er die Zeit für reif befand, ihn der Öffentlichkeit zu übergeben.Unverständlich lange, denkt man sich, lassen doch die fünf am 4. Mai 1970 aufgenommenen Piecen nicht nur einen Trompeter im Zenit seines Könnens hören, sondern auch eine bestens eingespielte Band kongenialer Sekundanten: Fritz Pauer, damals wie heute Farmers favorisierter europäischer Pianist, Bassist Peter Marshall und der Grazer Schlagzeuger Erich Bachträgl. Farmer, der 1958 an der Seite Gerry Mulligans Cool-Jazz- und 1959-62 mit dem gemeinsam mit Benny Golson geleiteten Jazztet Hardbop-Geschichte geschrieben und sich 1968 in Wien niedergelassen hatte, glänzt als schlüssiger Melodiker, entwickelt seine kontrollierten und dennoch peppigen Linien in konzentrierter Motivarbeit. Tief in der Tradition des Hardbop verwurzelt und zuweilen sogar soulige Gefilde streifend ("Overnight"), läßt der damals 41jährige in der nuanciert ausbalancierten Tongebung seine charakteristisch lyrische Spiel-Variante hören. Pauer, erst zwei Jahre zuvor 25jährig aus Berlin zurückgekehrt, wo er als Hauspianist der Jazz-Galerie zu internationalem Format gereift war, spinnt Farmers Tonperlen-Ketten in Läufen voll juveniler Energie fort, nicht ohne dabei eine breite Palette an Einflüssen – Bud Powell, Wynton Kelly, Dave Brubeck u. a. – zu verraten. Erich Bachträgls feinnervige, stimulierende Trommelarbeit trägt das Spielgeschehen. "Art Farmer In Europe" ist mehr als ein Zeitdokument! felb

M. Breinschmid & Radio Kings
Big Noise From Vienna ****

CIPA 3008
Vertrieb: Sounddesign

Für den dritten Release des Wiener Vibraphonisten Martin Breinschmid hat sich ein illustrer Gast angesagt, der jedenfalls sehr überzeugend spielt: der Klarinettist Allen Vaché. Gemeinsam gelingt es allen vier Musikern, sich ordentlich einzu-swingen. Fats Wallers "Jitterbug Waltz" ist die erste Nummer, die gleich das vorexerziert, was für die restliche CD generell gilt: Swingmusik auf höchstem Niveau. Kein Wunder, daß die amerikanische Musikzeitung Cadence schon zweimal lobend über die Radio Kings schrieb. Breinschmid ist sich seiner Sache jedenfalls sicher: sein Können, sein Feeling für das Instrument sind permanent spürbar. Aber auch die solide Arbeit der Begleitmusiker spricht für sich. Der internationalen "Konkurrenz" ist diese CD sicher gewachsen. woolf

Wertung: ***** hervorragend **** sehr gut *** gut ** durchschnittlich * mäßig