Chris Minh Doky zählt seit Jahrzehnten zu den international erfolgreichsten dänischen Jazzmusikern, ist hierzulande jedoch weit weniger bekannt, als es seine Karriere vermuten ließe. Drei Jahrzehnte in den USA, Begegnungen und Aufnahmen mit Größen wie Michael und Randy Brecker, Mike Stern oder David Sanborn, die Rückbesinnung auf seine skandinavischen Wurzeln und schließlich eine längere Veröffentlichungspause prägen seinen Weg. Mit „New Beginnings“ meldet sich der Bassist nun mit neuer Energie zurück. Im November bringt er seine Nomads nach Österreich – im Cinema Paradiso Baden und St. Pölten mit Manu Katché, Simon Oslender und Lily Carassik, wenige Tage später im Innsbrucker Treibhaus mit Till Brönner.

Bei manchen Musikern genügt ein Blick auf die Liste der Weggefährten, um zu erahnen, in welchen Kreisen sie sich bewegt haben. Bei Chris Minh Doky liest sich diese Liste beinahe wie ein Auszug aus einem Jazzlexikon: Michael und Randy Brecker, Mike Stern, David Sanborn, Dianne Reeves, John Scofield, Kenny Garrett, Toots Thielemans, Al Jarreau, Ryuichi Sakamoto oder Robben Ford gehören zu jenen Künstlern, mit denen der dänische Bassist im Laufe seiner Karriere auf der Bühne oder im Studio zusammentraf.
Der Vater war überzeugt davon, dass das Erlernen eines Instruments zur Ausbildung eines Kindes gehören sollte. Druck habe er dabei nie ausgeübt, erinnert sich Chris Minh Doky im Gespräch mit CONCERTO. Wenn Interesse vorhanden war, habe er es allerdings gefördert. Für Chris war zunächst das klassische Klavier das Instrument der Wahl. Erst als Jugendlicher rückte der Bass ins Zentrum.
Dabei begann alles weit entfernt von New Yorks Jazzclubs. Chris Minh Doky wurde 1969 in Kopenhagen in eine Familie geboren, in der Musik selbstverständlich zum Alltag gehörte. Seine dänische Mutter hatte als junge Frau als Sängerin Erfolg, sein vietnamesischer Vater war Arzt, hatte aber zuvor am Konservatorium in Paris klassische Gitarre studiert. Schon früh saß Chris am Klavier. Auch sein um sechs Jahre älterer Bruder Niels Lan Doky schlug die musikalische Laufbahn ein und entwickelte sich zu einem international anerkannten Pianisten und Komponisten.
Eigentlich hatte er zeitweise einen vollkommen anderen Lebensweg im Kopf. Mit etwa 14 Jahren wollte er die Musik hinter sich lassen und wie sein Vater Medizin studieren. Dann begegnete ihm die Musik von Miles Davis – und die Entscheidung war gefallen. Musik sollte nicht Hobby bleiben, sondern zum Lebensmittelpunkt werden.
Lehrjahre in New York

1989, gerade einmal 20 Jahre alt, ging Chris Minh Doky nach New York. Für einen jungen europäischen Jazzmusiker war die Stadt damals nach wie vor der Ort, an dem sich entscheiden konnte, ob man tatsächlich in der internationalen Szene bestehen würde. Doky spielte auf der Straße, tauchte in das Clubleben ein und war unter anderem im legendären 55 Bar präsent.
Es dauerte nicht lange, bis Mike Stern auf den jungen Bassisten aufmerksam wurde. Von da an öffneten sich Türen. Doky spielte mit Musikern, die er zuvor selbst bewundert hatte, darunter Michael und Randy Brecker oder David Sanborn. Aus dem jungen Dänen wurde ein gefragter Bassist in jener New Yorker Szene, die Jazz, Fusion, Funk und Rock längst nicht mehr als voneinander abgeschottete Bereiche verstand.
Dass ihm diese Jahre mehr vermittelt haben als technische Fertigkeiten, wird deutlich, wenn Doky heute darüber spricht. Musik sei nicht einfach etwas, das ein Musiker spiele. Sie besitze ihr eigenes Leben, der Musiker müsse ihr vielmehr Raum geben. Entscheidend sei daher, im richtigen Moment das eigene Ego zurückzunehmen und der Musik zu dienen.
Auch eine andere Erkenntnis aus diesen Jahren begleitet ihn bis heute. Einige seiner wichtigsten „Bass-Lehrer“, sagt Doky, seien eigentlich Schlagzeuger gewesen. Für ihn sind die Drums das Herz einer Band und der Bass deren Lunge. Beides müsse miteinander funktionieren, atmen und reagieren.
Diese Haltung erklärt vielleicht auch, warum Doky im Laufe seiner Karriere so selbstverständlich musikalische Grenzen überschritten hat. Sein Spiel konnte akustisch und zurückgenommen sein, im nächsten Moment aber auch funkig, elektrisch und voller Druck. Neben reinem Jazz entstanden Orchesterprojekte, dänische Psalmen, Arbeiten für das Königliche Dänische Ballett oder Produktionen, die weit über den klassischen Rahmen einer Jazzaufnahme hinausgingen.
Auch die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Niels Lan Doky prägte lange Zeit seine Karriere. 1997 erschien das gemeinsame Album „Doky Brothers“, doch die beiden Brüder entwickelten zunehmend eigene Lebensmittelpunkte. Chris lebte und arbeitete über Jahrzehnte in den USA, während Niels vor allem in Europa tätig war.
Drei Welten, eine Sprache
Wer verstehen möchte, warum Chris Minh Dokys Musik heute so klingt, wie sie klingt, stößt schnell auf drei geografische Fixpunkte: Dänemark, Vietnam und die USA.
Seine musikalische Stimme, sagt er, sei stark von Dänemark geprägt: von Raum, Licht und Stille, von melodischen Traditionen und nicht zuletzt von einer besonderen dänischen Schule des Kontrabassspiels. Niels-Henning Ørsted Pedersen war für Doky dabei eine Schlüsselfigur. Wie Jaco Pastorius zeigte auch der legendäre Däne, dass ein Bass weit mehr sein konnte als harmonisches und rhythmisches Fundament. Das Instrument konnte Melodien tragen, erzählen und selbstverständlich die Rolle einer führenden Stimme übernehmen.
Aus den USA kam dagegen der Puls. New York bedeutete Energie, Groove und Intensität. Dazu gesellte sich mit Larry Graham ein weiterer wesentlicher Einfluss: weniger wegen melodischer Raffinesse als wegen Körperlichkeit, Rhythmus und Funk.



Und Vietnam? Dort erkennt Doky heute vor allem seine Neugier und die Bereitschaft wieder, Dinge miteinander zu verbinden, ohne ständig darüber nachzudenken, ob sie nach herkömmlichen Regeln überhaupt zusammengehören.
Diese drei Bestandteile empfindet er inzwischen nicht mehr als getrennte Identitäten. Sie seien ineinandergewachsen und bildeten gemeinsam seine musikalische Sprache.
Deshalb wirkt es bei ihm auch keineswegs wie ein kalkulierter Versuch, möglichst modern zu erscheinen, wenn plötzlich Namen wie Billie Eilish, James Blake oder der britische Singer-Songwriter Fink als Einflüsse auftauchen. Doky interessiert weniger, welcher Stil auf einer Aufnahme steht, sondern wie Künstler einen Song als eigene Welt begreifen.
Genau darin sieht er sogar eine Verbindung zu Miles Davis. Ein Stück wie „My Funny Valentine“, von Davis live gespielt, sei ebenfalls weit mehr als Thema, Soli und Begleitung. Entscheidend sei die Atmosphäre, die über die gesamte Darbietung entsteht. Auch Billie Eilish oder James Blake arbeiten mit vollkommen anderen Mitteln letztlich daran, den Hörer in eine bestimmte Welt hineinzuziehen.
Für Doky ist das eine zentrale Idee seiner heutigen Musik: Ein Stück soll nicht bloß Ausgangspunkt für Improvisationen sein. Es soll eine Geschichte erzählen.
New Beginnings – zurück nach vorn
Sieben Jahre liegen zwischen „Transparency“ und „New Beginnings“. Eine lange Zeit für einen Musiker, der über Jahrzehnte beinahe ständig unterwegs war. Doch der Titel des neuen Albums ist weit mehr als eine griffige Überschrift. Für Chris Minh Doky markiert er tatsächlich einen Neubeginn – nach der Pandemie, mit einer neuen Band und mit einer musikalischen Idee, in der seine bisherigen Wege zusammenlaufen.
Vor Corona spielte Doky nach eigenen Angaben oft an die 150 Konzerte pro Jahr. Dann kam der Stillstand, und aus einem Leben zwischen Bühnen, Flughäfen und Hotels wurde beinahe über Nacht eines ohne Konzerte. Die unerwartete Pause gab ihm Zeit, darüber nachzudenken, wohin er musikalisch nach seiner intensiven Beschäftigung mit „New Nordic Jazz“ gehen wollte.
Die melodische Rolle des Upright Bass und die dänische Basstradition sollten bleiben. Gleichzeitig wollte er jene Energie und jenen Groove zurückholen, die bereits frühere Formationen von The Nomads ausgezeichnet hatten. Die ersten Stücke entstanden während der Pandemie, nach der Rückkehr auf die Bühnen nahm die neue Formation Gestalt an. „New Beginnings“ wurde so zum Neubeginn nach Corona, zum Start einer neuen Band und gleichzeitig zum nächsten Kapitel seiner Beschäftigung mit dem Bass als führender Stimme.
Das Album verbindet melodisches Upright-Spiel mit Fusion, Funk, elektronischen Klangfarben und modernen Produktionsideen. Hammond-Orgel, Keyboards und Synthesizer erweitern das Klangbild, ohne dass der Bass seine zentrale Position verliert. Mit Musikern wie Keith Carlock, Antonio Sanchez und Mino Cinelu sowie Randy Brecker als Gast führt Doky dabei auch Verbindungen aus früheren Stationen seiner Karriere weiter.
Eine besondere Rolle spielt jedoch ein Musiker aus der eigenen Familie: sein Sohn Milo. Doky hatte seine Kinder nie in eine musikalische Karriere drängen wollen. Zu gut kannte er die Unsicherheiten eines Lebens als Berufsmusiker und riet ihnen eher, Musik aus Leidenschaft zu betreiben und den Lebensunterhalt vielleicht auf anderem Weg zu verdienen. Ganz überzeugend dürfte diese Warnung angesichts des eigenen Lebenswegs des Vaters allerdings nicht gewesen sein.
Milo entwickelte sich zum Keyboarder, Produzenten und Songwriter und brachte zunehmend eigene Ideen ein. Dokys Tochter Frida ist ebenfalls eine ausgezeichnete klassische Pianistin, entschied sich beruflich jedoch für ein Jusstudium.
Für den Vater besitzt diese Fortsetzung der musikalischen Familiengeschichte eine besondere emotionale Dimension. Wenn er mit Milo arbeitet oder eines seiner Kinder spielen hört, denkt er auch an seine Eltern. Er sei dankbar dafür und könne sich beinahe vorstellen, wie sie irgendwo von oben zuschauen und lächeln.
Und „New Beginnings“ ist keineswegs als abgeschlossene Standortbestimmung gedacht. Die Stücke haben sich durch die Konzerte mit The Nomads weiterentwickelt, gleichzeitig arbeitet Doky bereits an der nächsten Aufnahme. Noch stärker soll dabei der Upright Bass zur führenden Stimme werden, noch konsequenter möchte er einzelne Kompositionen als eigene Geschichten und Klangwelten verstehen.
The Nomads ziehen weiter
Dass Doky heute häufig mit einem Yamaha Silent Bass auftritt, hatte ursprünglich einen sehr pragmatischen Grund. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde das Fliegen mit einem großen akustischen Kontrabass zunehmend kompliziert. Gemeinsam mit Yamaha arbeitete er deshalb an einem elektrischen Upright Bass, der Spielgefühl und Klangcharakter seines akustischen Instruments möglichst nahekommen sollte.



Mit der Zeit entdeckte Doky darin weit mehr als eine praktische Reiselösung. Der Silent Bass eröffnete ihm die Möglichkeit, mit Verzerrung und anderen Effekten zu arbeiten und damit Klangwelten einzubeziehen, die ihn bei Musikern wie Larry Graham, Marcus Miller oder Jaco Pastorius schon lange fasziniert hatten. Technik ist dabei kein Selbstzweck: Sie soll den emotionalen Wortschatz des Instruments erweitern und der jeweiligen Geschichte dienen.
Auch The Nomads sind weniger eine Band mit unveränderlicher Besetzung als eine musikalische Idee. Im Laufe der Jahre gehörten Musiker wie Hiram Bullock, Keith Carlock, Dave Weckl, Dean Brown oder George Whitty zu unterschiedlichen Formationen. Der Name beschreibt für Doky vor allem das Leben von Musikern: Sie treffen sich unterwegs, in Studios, Flughäfen, Hotels und bei Festivals, gehen wieder getrennte Wege und begegnen einander irgendwo auf der Welt erneut.
Ein „Nomad“ muss daher keiner bestimmten Besetzung angehören. Offenheit, Neugier und eine eigene musikalische Stimme sind wichtiger – ebenso die Fähigkeit, sich unmittelbar auf andere Musiker einzulassen.
Für die beiden Konzerte im Cinema Paradiso hat Doky eine bemerkenswerte Formation zusammengestellt. Am Schlagzeug sitzt Manu Katché, dessen unverwechselbares Spiel seit Jahrzehnten gleichermaßen in Jazz und Pop gefragt ist. An den Keyboards steht Simon Oslender, einer der auffälligsten jüngeren europäischen Musiker seines Instruments. Komplettiert wird die Band durch die britische Trompeterin Lily Carassik.
Beim Konzert im Innsbrucker Treibhaus wenige Tage später verändert sich die Besetzung: Dort übernimmt Till Brönner den Trompetenpart, während Chris Minh Doky, Manu Katché und Simon Oslender auch in Innsbruck dabei sind.
Die Verbindung Dokys zu Österreich reicht ohnehin weit zurück. Bereits als junger Musiker war er hier mit Trilok Gurtu und dessen Crazy Saints unterwegs, später kehrte er unter anderem mit Mike Stern und Michael Brecker zurück. Dass zwei seiner diesjährigen Österreich-Konzerte ausgerechnet in Kinos stattfinden, gefällt ihm besonders. Denn wenn Musik Geschichten erzählen soll, passt ein Kino nahezu ideal. Improvisationen und Soli sind für ihn keine Unterbrechungen dieser Erzählung, sondern lassen sie jeden Abend eine andere Richtung nehmen.
Vielleicht, meint Chris Minh Doky, könne das Publikum seine Musik im Cinema Paradiso deshalb wie einen Film ohne Bilder erleben – einen Film, bei dem jeder seine eigenen Bilder entstehen lässt.
Ernst Weiss/Interview: Herbert Höpfl
CD-Tipps:
Chris Minh Doky „Transparency“, Red Dot Music (2018)
Chris Minh Doky & The Nomads, „New Beginnings“, Red Dot Music (2025)
Live-Tipps:
Chris Minh Doky & The Nomads
09. 11., 19.30 Uhr, Baden, Cinema Paradiso
10. 11., 19.30 Uhr, St. Pölten, Cinema Paradiso
Besetzung: Chris Minh Doky – Bass · Lily Carassik – Trompete · Simon Oslender – Keyboards · Manu Katché – Schlagzeug
16. 11., 20.00 Uhr, Innsbruck, Treibhaus
Besetzung: Chris Minh Doky – Bass · Till Brönner – Trompete · Simon Oslender – Keyboards · Manu Katché – Schlagzeug
Web-Tipps:
www.doky.com ·
www.cinema-paradiso.at ·
www.treibhaus.at
