Auf 1.667 Metern Seehöhe, auf der Unterstaller Alm bei Innervillgraten, wird eine Wiese für vier Tage zum Konzertsaal. Innervillgraten liegt im äußersten Winkel Osttirols, unweit der italienischen Grenze – oder, wie die Einheimischen augenzwinkernd sagen: Hier ist das Ende der Welt, da geht’s nimmer weiter.

Genau dort findet Hoch.Kultur statt, das nach seiner Premiere 2023 heuer zum zweiten Mal Klassik, Jazz und musikalische Grenzgänge an diesen ungewöhnlichen Ort bringt. International renommierte Künstler, überraschende Begegnungen und ein Programm, das bewusst nicht auf Nummer sicher geht, tragen die Handschrift von Andreas Schett, dem künstlerischen Kopf der Musicbanda Franui.
Ankommen am Ende der Welt
Nach rund 20 Jahren wieder in Osttirol – für mich beinahe Neuland. Und zunächst hieß es einmal, sich zurechtzufinden. Ich kannte niemanden, musste mich orientieren: Wo ist was, wo sind Verkaufsstände und Öko-Klos, wie funktioniert dieses Gelände überhaupt? Vor mir öffnet sich ein abschüssiges Areal, das wie eine natürliche Arena zur tiefer gelegenen Bühne hin abfällt.
Dazu das Bewusstsein: Jetzt bist du wirklich in den Bergen. Die Shuttles fahren im Wesentlichen zu Beginn und nach Ende des Festivalprogramms, ein beliebiges Kommen und Gehen ist hier nicht vorgesehen. Also bleibt gar nicht viel anderes übrig, als sich auf Ort, Menschen und Musik einzulassen. Ein kleiner Sprung ins kalte Wasser – und vielleicht gerade deshalb eine ziemlich gute Voraussetzung, um ein Festival kennenzulernen, das vieles anders macht.
Wie dieses „Drumherum“ aussieht, zeigt unsere Fotostrecke: Hoch.Kultur abseits der Bühne.
Wenn die Sonne den Takt vorgibt
Auch der Tagesablauf folgt den Gegebenheiten des Ortes. Drei Konzerte stehen jeweils auf dem Programm, begonnen wird bereits am frühen Nachmittag. Das letzte endet rechtzeitig vor Sonnenuntergang – dessen Licht für den anschließenden, augenzwinkernd gesprochenen „Almabtrieb“ des Publikums durchaus willkommen ist. Denn im Dunkeln möchte man die Wege hier oben eher ungern zurücklegen.

So beginnt auch der erste Konzerttag auf der Alm bei noch reichlich Nachmittagssonne. Den musikalischen Auftakt macht Franui gemeinsam mit der Sopranistin Christiane Karg. Es sollte nicht der einzige Auftritt der Musicbanda bleiben: Wenn schon ihr Zampano und Hoch.Kultur-Veranstalter Andreas Schett das Festival auf die Beine stellt, gibt es schließlich mehr als genug Gründe, sich täglich selbst ins Programm hineinzureklamieren. Wobei „täglich“ keineswegs „jedes Mal dasselbe“ bedeutet – ganz im Gegenteil.Mit Liedern von Franz Schubert und Gustav Mahler sowie – in dieser Konstellation erstmals – von Richard Strauss gelang Christiane Karg und Franui gleich ein großartiger Klassik-Auftakt.

Schon an dieser ersten Begegnung ließ sich ein Prinzip erkennen, das sich durch weite Teile des Festivals ziehen sollte: 1+1 – Künstler und Formationen zusammenzubringen, die zuvor noch nie gemeinsam auf der Bühne standen. Gerade solche musikalischen Erstbegegnungen zu initiieren und damit auch ein gewisses künstlerisches Risiko einzugehen, gehört zur Handschrift von Andreas Schett.
Die nächste dieser Begegnungen brachte das Simply Quartet mit dem jungen Zymbal-Spieler Áron Horváth zusammen. Wie Schett bei der Anmoderation betonte, spannten beide einen musikalischen Bogen von Osteuropa bis in den alpinen Raum. Horváth bewegt sich mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit zwischen Volksmusik, Klassik und Jazz, während das Simply Quartet mit Werken von Hugo Wolf, Smetana, Schostakowitsch und Haydn unterschiedliche musikalische Bezugspunkte setzte. Horváth demonstrierte zudem, dass das Zymbal keineswegs nur in der Volksmusik zu Hause ist, und setzte mit einem ausgedehnten Improvisationssolo einen ganz eigenen Akzent. Die Rechnung 1+1 ging auf.


Einen deutlichen stilistischen Kontrast setzte zum Abschluss des Tages Nik Bärtsch’s Ronin. Ganz in Schwarz, im langen, an japanische Zen-Ästhetik erinnernden Gewand, wirkte Nik Bärtsch am Klavier gleichermaßen entspannt wie hochkonzentriert – und sichtlich spielfreudig im Zusammenspiel mit Sha an den tiefen Klarinetten, Jeremias Keller am Bass und Kaspar Rast am Schlagzeug.
Neben den gewohnt hypnotischen, repetitiven Grooves öffnete sich die Musik vor allem im Mittelteil immer wieder in freiere, deutlich jazzigere Passagen. Ein Eindruck, der nicht täuschte: Ronin stimmt die Dramaturgie seiner Konzerte durchaus auf den jeweiligen Rahmen ab. Neben einem aktuellen Repertoire kann die Band dabei, wie Bärtsch gegenüber CONCERTO erklärt, auf rund 30 „Module“ zurückgreifen. Gleichzeitig seien die Freiräume innerhalb des klaren Regelsystems über die Jahre größer geworden – insbesondere die Übergänge und Verbindungen zwischen den Stücken entwickeln sich bei jedem Konzert neu und können entsprechend breiteren Raum einnehmen.

Zum Abschluss bedankte sich Bärtsch ausdrücklich beim Publikum und beim Veranstalter. Orte und Festivals wie dieses seien wichtig, um dieser Art von Musik überhaupt Raum zu geben.
Sich die Musik erarbeiten
Spätestens am zweiten Tag entwickelt Hoch.Kultur seinen eigenen Rhythmus. Dazu gehört auch der rund vier Kilometer lange Anmarsch von der Mautstelle bei Innervillgraten hinauf zur Unterstaller Alm. Sich die Musik erarbeiten, gewissermaßen. Was zunächst nach zusätzlichem Aufwand klingt, erweist sich bald als wesentlicher Teil des Festivals: Man kommt miteinander ins Gespräch, trifft unterwegs bekannte Gesichter vom Vortag wieder und hat ohnehin dasselbe Ziel vor Augen – Musik, Natur und Berge. Oben angekommen, setzt sich dieser Austausch an den Verkaufsständen und in den Konzertpausen fort. Aus einem Publikum, in dem man am ersten Tag kaum jemanden kannte, wird erstaunlich schnell eine Gemeinschaft auf Zeit. (siehe auch spezielle Fotostrecke per Link)
Kontraste und ein überraschender Höhepunkt
Den Freitag eröffneten The Erlkings und die Schweizer Akkordeonistin Viviane Chassot – zwei musikalische Charaktere, die unterschiedlicher kaum auftreten konnten. Erlkings-Frontmann Bryan Benner ist ein Tausendsassa, der sich ebenso in der Klassik wie in Folk und Singer/Songwriter-Gefilden zu Hause fühlt. Schuberts ins Englische übertragene Lieder kamen in eigenständigen Arrangements mit viel Elan daher, verbunden mit Benners ausgeprägtem Moderations- und Entertainment-Talent.

Den Gegenpol bildete die eher introvertiert wirkende, dafür umso beherzter spielende Viviane Chassot. Sie hat sich insbesondere damit einen Namen gemacht, klassische Klavierliteratur auf das Akkordeon zu übertragen und dem Instrument damit Möglichkeiten abseits seiner traditionellen Zuschreibungen zu erschließen. Zwischen den Erlkings-Songs setzte sie mit klassischen Sonaten bewusst ruhigere Akzente und gewann mit ihrer unaufdringlichen, ganz auf die Musik konzentrierten Art rasch die Sympathien des Publikums. Bei den Erlkings geriet der Entertainment-Faktor dagegen mitunter fast etwas zu dominant. Das kam zwar durchaus gut an, wirkte angesichts des ansonsten sehr konzentriert lauschenden Publikums aber mitunter fast ein wenig zu viel des Guten.
Ganz anders entwickelte sich anschließend das Zusammenspiel von Elektro Guzzi mit der Jazzpianistin Johanna Summer, die unter anderem bereits bei ACT Music reüssierte. Wer das Wiener Trio sonst zu später Stunde erlebt, weiß, welche physische Kraft sein fein austarierter, rein akustisch erzeugter Techno entwickeln kann. Befürchtungen, Elektro Guzzi könnte hier Publikum samt grasender Kühe in der näheren Umgebung an die Wand spielen, erwiesen sich jedoch als unbegründet.

Summer und die drei Techno-Mannen Bernhard Hammer (Gitarre), Jakob Schneidewind (Bass) und Bernhard Breuer (Schlagzeug) hatten sich bereits im Vorfeld intensiv mit der Musik der jeweils anderen Seite auseinandergesetzt. Entsprechend organisch gelangen die Übergänge vom Klavier zur Band und wieder zurück. Gegen Ende ging Summer noch einen Schritt weiter und improvisierte gemeinsam mit Elektro Guzzi. Das Publikum reagierte begeistert – für mich der überraschende Höhepunkt des Freitags.
Nach so viel musikalischer Begegnung gehörte der Abschluss des Freitags Franui ganz allein. Diesmal also bewusst kein 1+1, sondern ein Griff in den eigenen, über mehr als drei Jahrzehnte gefüllten musikalischen Schatzkasten – oder, wie Franui selbst einen Teil dieses Repertoires bezeichnet, in ein „Songbook des 19. Jahrhunderts“. Von Schubert und seiner „Forelle“ nach einem Text von Christian Friedrich Daniel Schubart bis zu den von Franui so geliebten Trauermärschen reichte der Bogen. Was dabei Kunstlied, Volksmusik oder Klassik ist, darf bei Franui ohnehin getrost zur Nebensache werden. Dazwischen streute Andreas Schett in seinem gewohnt launigen, pointierten und selbstironischen Stil immer wieder Anekdoten zu einzelnen Stücken ein.



Ein Dorf trägt sein Festival
Dass Hoch.Kulturheute auch vom Dorf mitgetragen wird, war nicht immer selbstverständlich. Frühere Vorbehalte gegenüber Schetts Kulturaktivitäten seien heute, wie er selbst sagt, längst kein Thema mehr. Viele Innervillgratner arbeiten beim Festival mit, stehen an den Verkaufsständen, auch die Feuerwehr ist täglich mit ihrem Einsatzwagen vor Ort. Die unkomplizierte Herzlichkeit, spontane Gespräche und so mancher urige Ausspruch der Einheimischen geben Hoch.Kultur jenen dörflich-familiären Charakter, der sich schwer organisieren lässt.
Dazu kommt ein erstaunlich vielschichtiges Publikum: Musikfreaks auf der Suche nach Außergewöhnlichem ebenso wie Neugierige, die sich bewusst auf bislang Unbekanntes, auf anspruchsvolle Klassik oder Jazz einlassen. Viele kommen aus Kärnten, Nord- und Südtirol oder der Steiermark, auch aus Deutschland; Ostösterreich scheint nach meinem Eindruck deutlich schwächer vertreten.
Wenn das Wetter mitspielt
Am letzten Festivaltag mischte schließlich auch das Wetter bei der Programmgestaltung mit. Wegen des erwarteten Wetterumschwungs wurde bereits am Vorabend entschieden, den Beginn von 15 auf 14 Uhr vorzuverlegen. Auf 1.667 Metern Seehöhe gehört eine gewisse Flexibilität eben dazu.
Fast ehrfürchtige Stille beim Publikum, als Vox Clamantis den Samstag eröffnete. Das estnische Vokalensemble aus Tallinn spannte mit seinen Chorälen einen weiten Bogen von mittelalterlicher Gregorianik bis in die Gegenwart. Eine besondere Verbindung besteht zu Arvo Pärt, dessen Kompositionen Vox Clamantis auch auf Tonträger eingespielt hat.

Wolfgang Muthspiel war dabei keineswegs bloße Ergänzung, sondern gleichberechtigter musikalischer Partner. Gitarrist und Ensemble hatten sich im Vorfeld aufeinander abgestimmt, entsprechend stimmig gelangen die Übergänge und das gegenseitige Eingehen aufeinander. Muthspiel agierte ungemein intensiv und konzentriert, zugleich aber mit sichtbarer Spielfreude – die Begegnung mit einem solchen Chor schien ihm zusätzlichen Ansporn zu geben. Ganz so überraschend ist seine Affinität zu dieser Klangwelt vielleicht gar nicht: Muthspiels Vater war Chorleiter und Komponist in Judenburg, Wolfgang kam somit bereits in jungen Jahren mit Chormusik in Berührung. Nicht ungeschickt also von Andreas Schett, gerade diese beiden musikalischen Welten zusammenzubringen.Die sakralen Gesänge entwickelten inmitten der Osttiroler Bergwelt eine ganz eigene Wirkung. Musik, Stille und der Blick auf die umliegenden Berge verschmolzen für einen Moment miteinander – und ließen den Menschen in dieser Szenerie beinahe klein erscheinen.
Der Mittelteil des letzten Festivaltages war mit Pierre-Laurent Aimard ganz dem klassischen Klavier gewidmet. Der französische Pianist, der sich neben dem klassischen Repertoire besonders intensiv mit der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts auseinandersetzt, ließ unter freiem Himmel vor allem seine Feinfühligkeit sprechen. Im Sonnenschein wurde beinahe jeder Ton zum Genuss. Auch das Publikum schien einen Gang zurückzuschalten: Die einen lauschten konzentriert, andere ließen den Blick über Natur und Berge schweifen und ihren Gedanken freien Lauf.

Doch damit war Aimards Rolle an diesem Nachmittag noch nicht beendet. Für das Festivalfinale wurde er spontan in Schuberts „Die schöne Müllerin“ mit Florian Boesch und Franui eingebunden. Aimard übernahm am Klavier die Passagen im Original, während immer wieder zu den eigenständigen Interpretationen Franuis gewechselt wurde. Florian Boesch blieb dabei die vokale Konstante und sang sowohl zu Aimards Schubert als auch zu den Bearbeitungen der Musicbanda. Dieser Wechsel verlieh dem zwanzig Lieder umfassenden Zyklus zusätzliche Spannung und rückte ihn immer wieder in einen unverkennbar alpinen Klangraum. Bei aller Eigenständigkeit Franuis blieb der Umgang mit dem Original respektvoll.


Mehr als ein Spielort
Hoch.Kultur erfindet das familiäre Festival nicht neu – und gottseidank gibt es auch anderswo Veranstaltungen, bei denen Nähe, Neugier und musikalisches Wagnis wichtiger sind als große Namen auf möglichst großen Bühnen. Einzigartig ist hier vor allem der Ort und was er mit den Menschen macht. Die Höhenlage, der gemeinsame Weg auf die Alm, die Gespräche unterwegs und in den Pausen: Auf 1.667 Metern kommt man einander erstaunlich leicht näher.
Das gilt für das Publikum ebenso wie für die Künstler. Auch für sie scheint die Unterstaller Alm mehr zu sein als bloß ein weiterer Auftrittsort. Natürlich lässt sich eine Almwiese in Osttirol nicht mit der Wiener Staatsoper oder dem Musikverein vergleichen – und doch besitzen solche Orte etwas Gemeinsames: Man möchte dort einmal gespielt haben. Hier ist es nicht die weltberühmte Geschichte eines Konzertsaals, sondern das Außergewöhnliche des Ortes selbst, das den Reiz ausmacht. Und vielleicht ist gerade das ein nicht unwesentlicher Grund, warum Andreas Schett hochkarätige Musiker für ein Festival am sprichwörtlichen „Ende der Welt“ gewinnen kann.
Am Anfang stand für mich der Sprung ins kalte Wasser. Drei Tage später war klar: Es hat sich gelohnt, hineinzuspringen.
Herbert Höpfl
