14.–16. August 2026
Das diesjährige INNtöne Festival wurde von Veranstalter Paul Zauner auf Mitte August verlegt, um den extremen Hitzeperioden auszuweichen, die den Juli in den vergangenen Jahren zunehmend geprägt hatten. Wirklich entkommen ließ sich den hohen Temperaturen freilich auch diesmal nicht. Tagsüber war es heiß, immerhin kühlte es in den Nächten etwas ab. Schauplatz blieb der Bauernhof im oberösterreichischen Innviertel, dessen Wirtschaftsgebäude für ein Wochenende zu Bühnen und Bars werden. Dazu kommt eine kleine Bühne auf dem Feld.
Das Programm war dicht wie selten zuvor. Nach dem Auftakt am Freitagabend wurde am Samstag und Sonntag von Mittag bis weit nach Mitternacht gespielt: 53 Konzerte, mehr als 30 Formationen, fünf Bühnen und Spielstätten. Einzelne Höhepunkte herauszugreifen fällt angesichts des insgesamt hohen Niveaus schwer, wenngleich nicht jede Formation gleichermaßen überzeugen konnte.
Bereits zum zweiten Mal war eine Formation aus dem Whirlpool-Projekt des Londoner Vortex Jazz Club über das gesamte Wochenende zu Gast und stieß auf große Resonanz. Der niederländische Journalist Dick Hovenga schrieb dazu: „Klar ist, dass diese Musiker bereits jene Überzeugungskraft und Entschlossenheit besitzen, die sie ins Rampenlicht rücken.“ (Written in Music)
Dass sich INNtöne längst nicht allein über die Hauptbühne in der Scheune definiert, zeigte sich auch diesmal. Die kleineren Spielstätten boten ein ebenso interessantes Programm – allen voran der St Pigs Pub, der außerhalb der Festivaltage tatsächlich als Schweinestall dient.
Von Folk bis Ellington
Nach einem entspannten Auftakt mit dem Trio des Pianisten Lorenzo de Finti sorgte das ebenfalls italienische GONE Project erstmals für deutlich höhere Betriebstemperatur. Akkordeonbesetzungen haben bei INNtöne durchaus Tradition, doch Simone Zanchini beeindruckte mit brillanter Technik und enormer Beweglichkeit. Melodien und Basslinien ließ er scheinbar mühelos ineinandergreifen. Folk-Traditionen trafen auf eine filmisch anmutende Tonsprache, die stellenweise an Morricone oder Nino Rota erinnerte und einige erstaunlich eingängige Melodien hervorbrachte. Besonders reizvoll geriet das Zusammenspiel mit Saxofonist Gianluca Lusi, während Luigi Masciari an der Gitarre bluesige Akzente setzte.
Der französische Bassist Stéphane Kerecki widmete sich mit seinem Projekt „Liberation Songs“ dem musikalischen Erbe von Charlie Hadens Liberation Music Orchestra. Im Mittelpunkt stand weniger die politische Aussage der Originale als deren melodische Substanz – eine respektvolle Verbeugung vor einem der prägenden Musiker des modernen Jazz.
Saxofonist Daniel Erdmann und Pianistin Aki Takase widmeten sich der Musik Duke Ellingtons, ohne sich allzu eng an die Originale zu halten. Vielmehr nutzten sie dessen Kompositionen für ein spielerisches, mitunter überraschendes Zwiegespräch und führten sie mit Respekt, aber großer Freiheit in neue Richtungen.
Eine weitere Hommage galt Pharoah Sanders. Saxofonist Johannes Enders verstand es ausgezeichnet, dessen musikalischen Geist aufzugreifen. Mit Gene Calderazzo war zudem ein Musiker beteiligt, der Sanders viele Jahre bei seinen europäischen Auftritten begleitet hatte. Das weckte Erinnerungen an einen denkwürdigen INNtöne-Auftritt vor rund 15 Jahren, bei dem auch Howard Johnson und Dwight Trible als Gäste mitwirkten.
Trompeten in vielen Farben
Auffallend präsent war an diesem Wochenende die Trompete, allerdings in höchst unterschiedlichen musikalischen Zusammenhängen. Das Quartett von Luís Vicente mit John Dikeman verband freie Improvisation mit komponierten Strukturen. Bei einem früheren Auftritt in Nickelsdorf hatte noch die Musik Albert Aylers einen wesentlichen Teil des Programms bestimmt; mittlerweile stehen eigene Kompositionen stärker im Vordergrund.
Markus Stockhausen setzte auf ruhigere, spirituellere Töne. Gemeinsam mit Jeroen van Vliet am Klavier und Christian Thomé entwickelte sich ein feinsinniges Zusammenspiel, besondere Intensität erreichten die Passagen mit Jörg Brinkmann am Cello. Einen weiteren Zugang bot Trio BLEU mit dem vielseitigen Lorenz Raab, der neben der Trompete auch zum Harmonium wechselte. Ali Angerer ergänzte das ungewöhnliche Klangbild mit Tuba und elektrischer Dulcimer.
Ein weiter musikalischer Radius
Dass sich INNtöne stilistisch nur ungern Grenzen setzt, zeigte sich auch abseits der klassischen Jazzbesetzungen. Südasiatisch geprägte Perkussion von Sarathy Korwar und Magnus Korwar sorgte für kräftigen rhythmischen Schub und gab Alex Kranabetter reichlich solistischen Freiraum.
Chris Jennings’ „Drum n Koto“ brachte fernöstliche Einflüsse ins Programm, wobei vor allem Nguyên Lê mit seinem unverwechselbaren Gitarrenspiel Rock, Jazz und asiatische Elemente miteinander verband. Medieval Rare wiederum zeigte, dass selbst Laute und Dudelsack in diesem musikalischen Umfeld keineswegs wie Fremdkörper wirken müssen.
Besonders überzeugend gelang die Grenzüberschreitung dem argentinischen Trio Tikismikis mit Violine, Gitarre und Bandoneon. Mit den naheliegenden Tango-Erwartungen hatte das nur wenig zu tun. Das Trio präsentierte sich rhythmisch wie melodisch enorm beweglich und steigerte sich zu einer regelrechten Tour de Force, die in einer spektakulären Tanzeinlage ihren Höhepunkt fand.
Einen wohltuenden Ruhepunkt setzte der polnische Pianist Krzysztof Kobyliński mit seinem Solokonzert. Aus einfachen, von Chopin beeinflussten Melodien entstand eine beinahe meditative Stimmung. Kobyliński kam ohne große Gesten aus und fesselte gerade durch diese Konzentration – ein Konzert, das viel zu schnell vorüberging.
Erfreulich war einmal mehr die Jumping Jungle Band. Die junge Formation aus heimischen Teenagern hat in den vergangenen Jahren hörbar an Sicherheit und musikalischem Profil gewonnen. Xavier Plankensteiner setzte am Keyboard bemerkenswerte solistische Akzente, während gleich zwei Bassisten für das Fundament sorgten, darunter Leander Raab, der Sohn von Lorenz Raab. Zu den besonderen Momenten des letzten Festivaltages gehörte schließlich der gemeinsame Auftritt mit Whirlpool.
Den Schlusspunkt setzte mit Fabrizio Bosso erneut ein Italiener. Der Trompeter führte sein Quartett mit kraftvoller Melodik, technischer Souveränität und großer Spielfreude durch ein mitreißendes Finale. Vor allem das unmittelbare Zusammenspiel machte deutlich, warum Bosso seit Jahren zu den herausragenden Trompetern der europäischen Jazzszene zählt.
Oliver Weindling
