Große Legenden, ungebrochene Ausdruckskraft
Eine Hommage an zwei große Kapitel der Jazzgeschichte prägte das Jazzfest Berlin 2026: Anthony Braxton, mittlerweile 81 Jahre alt, und das Globe Unity Orchestra, das sein 60-jähriges Bestehen feierte, erinnerten eindrucksvoll daran, welche musikalischen Umwälzungen der Free Jazz einst auslöste. Beide haben die Entwicklung der improvisierten Musik entscheidend mitgestaltet und bewiesen in Berlin, dass ihre künstlerischen Vorstellungen auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Rund 8.100 Besucher kamen vom 29. Oktober bis 1. November zu insgesamt 50 Veranstaltungen an zehn Spielstätten. 135 Musiker aus mehr als 25 Ländern boten ein breites Spektrum von zeitgenössischem Jazz und experimenteller Klangkunst bis zu folkloristisch geprägten Projekten. Neben dem Haus der Berliner Festspiele sorgten die traditionsreichen Clubs A-Trane und Quasimodo für unmittelbare Konzerterlebnisse, überraschende Entdeckungen und gelegentlich auch Ernüchterung.
Für einen erfrischenden Auftakt sorgte das EROSÃO Percussion Trio mit Maria Portugal im Mittelpunkt. Die drei Musiker loteten die vielfältigen Möglichkeiten ihrer Instrumente aus und entwickelten eine facettenreiche Perkussionssprache, die mit herkömmlichem Getrommel wenig gemein hatte.
Anthony Braxton – Ein Meister und seine musikalische Vision
Ein erster Höhepunkt folgte mit dem Anthony Braxton Septet. Der charismatische Saxofonist, Komponist und Bandleader stand überwiegend als Dirigent vor seiner Formation und leitete mit ausdrucksstarken Gesten die Uraufführung seiner Composition No. 744. Die ungewöhnliche Besetzung mit vier Saxofonen und drei Tuben entwickelte eine vielschichtige, ungemein konzentrierte Klangarchitektur, deren Intensität über die gesamte Aufführung erhalten blieb. Spannungsabfälle waren nicht auszumachen. Braxton selbst griff nur für kurze solistische Einwürfe zum Instrument und überließ den musikalischen Verlauf weitgehend seinen hervorragend aufeinander abgestimmten Mitmusikern. Wie die Berliner Altsaxofonistin Silke Eberhard, selbst Mitglied des Septetts, im Gespräch mit CONCERTO erläuterte, verbindet Braxtons musikalische Leitung ausnotierte Passagen mit seiner eigens entwickelten Language Music. Handzeichen, Zahlen und musikalische Anweisungen eröffnen den Beteiligten individuelle Gestaltungsmöglichkeiten. Besonders beeindruckt zeigte sich Eberhard von Braxtons menschlicher Haltung und seinem Verständnis eines gleichberechtigten musikalischen Miteinanders. Bereits in den 1980er-Jahren habe er sich für die Anerkennung von Komponistinnen eingesetzt und Frauen selbstverständlich in seine Projekte eingebunden.

Am Ende der intensiven Aufführung wandte sich Braxton mit einem respektvollen, von großer Wertschätzung getragenen Statement an das Publikum. Ein bewegender Abschluss eines außergewöhnlichen Konzerts.
Der britische Pianist Alexander Hawkins stellte mit seinem elfköpfigen Projekt Willow Music eine sorgfältig ausgearbeitete Musik für größere Besetzung vor. Zahlreiche Blasinstrumente, Kontrabass und Schlagzeug bildeten den Rahmen für eine solide Vorstellung. Allerdings hätte man Hawkins selbst gerne öfter am Klavier erlebt. Gerade in kleineren Formationen, etwa seinem langjährigen Alexander Hawkins Trio, scheint er als Pianist noch spannender zu sein. Letztlich wohl eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Große Klangentwürfe und ein überraschender Bruch
Mit ihrem zehnköpfigen Camila Nebbia Large Ensemble und einer Art imaginärer Filmmusik hatte sich die argentinische Saxofonistin Camila Nebbia einiges vorgenommen. Ihr Werk the darkness, overwhelming and imposing, compelled me to light my own fires basiert auf den unveröffentlichten Erinnerungen ihres Urgroßvaters Abraham Breide, der einst vom Libanon nach Argentinien auswanderte. Experimentell bearbeitete Filmsequenzen aus Familienarchiven und eigenen Aufnahmen begleiteten die Uraufführung, deren ungewöhnliche Instrumentierung ein breites Klangspektrum eröffnete. Für die visuelle Gestaltung zeichnete Andro Manzoni verantwortlich. Der Beginn wirkte noch etwas gebremst, stellenweise konstruiert und kopflastig. Im weiteren Verlauf gewann die Musik an Fahrt, die Strukturen öffneten sich und das Zusammenspiel wurde gehaltvoller. Eine anspruchsvolle Premiere, die letztlich gelungen ist.

Einen bemerkenswerten Auftritt absolvierte der amerikanische Trompeter Amir ElSaffar, Sohn eines irakischen Vaters und einer amerikanischen Mutter, mit seinem Amir ElSaffar New Quartet. Seit über zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich intensiv mit dem irakischen Maqam. Gemeinsam mit Ole Mathisen am Tenorsaxofon, Tania Giannouli am mikrotonal gestimmten Klavier und Tomas Fujiwara am Schlagzeug präsentierte er eine anspruchsvolle Verbindung aus modernem Post-Bop und mikrotonalen Klangstrukturen.

Ein kurzer Einschub mit dem Santur, einem dem Hackbrett verwandten traditionellen Saiteninstrument, und ElSaffars stark an den Muezzinruf erinnerndem Gesang sorgte allerdings für einen Bruch. Dieser Ausflug in die irakische Musiktradition erschloss sich im Zusammenhang mit dem übrigen Programm nur schwer und wirkte aufgesetzt. Gerade beim vorangegangenen Artist Talk war noch davon die Rede gewesen, wie sich iranische und irakische Musiktraditionen organisch in einen zeitgenössischen Jazzkontext einbringen lassen. Dass dies durchaus gelingen kann, zeigte die iranische Klarinettistin Shabnam Parvaresh mit ihrem Sheen Trio im A-Trane. ElSaffars Exkurs veranlasste den Berichterstatter schließlich, den Saal vorzeitig zu verlassen.
Eine wahre Wohltat war anschließend der Auftritt des Immanuel Wilkins Quartet. Ohne großen Firlefanz präsentierte der amerikanische Altsaxofonist mit seiner Band Modern Jazz, der sich gewaschen hatte. Kompromisslos, energiegeladen und von bemerkenswerter Geschlossenheit. Wilkins überzeugte mit ausdrucksstarkem Spiel und einer Intensität, die vom ersten Moment an fesselte. Hier saß jeder Ton, jede rhythmische Wendung hatte ihren Platz. Ein Quartett, das zu den Höhepunkten des Festivalfreitags zählte.

Ein furioses Finale folgte auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele. Dicht gedrängt saß und stand das Publikum im restlos gefüllten Saal, als der japanische Gitarrist Otomo Yoshihide mit seinem New Jazz Quintet loslegte. Mit zünftigen Gitarren-Patterns, technischer Raffinesse und unwiderstehlichem Groove trieb er seine Mitmusiker zu Höchstleistungen an. Trompeter Shinpei Ruike blies sich förmlich die Lunge aus dem Leib, während Posaunist Osamu Imagome für zusätzliche Schärfe sorgte. Hiroaki Mizutani am Kontrabass und Yasuhiro Yoshigaki am Schlagzeug bildeten eine kraftvolle Rhythmusgruppe. Das Quintett entwickelte einen mitreißenden Sog, der den Raum regelrecht zum Kochen brachte.


Große Besetzungen, unterschiedliche Ergebnisse
Mit Christian Lillinger’s Open Form For Society II präsentierte der deutsche Schlagzeuger ein aufwendig konzipiertes Projekt, bei dem Klaviere und andere Tasteninstrumente dominierten. Lillinger selbst agierte mit ausgeprägter Theatralik und demonstrativer Körpersprache. Trotz der instrumentalen Qualitäten der Beteiligten wollte sich ein durchgehender musikalischer Fluss nur phasenweise einstellen. Über weite Strecken blieb die Aufführung statisch, solistische Beiträge fanden selten zu einem schlüssigen Gesamtbild. Der gemeinsame Ausdruck blieb hinter den Erwartungen zurück.

Auch die britische Trompeterin Laura Jurd konnte mit ihrem Projekt Rites & Revelations auf der Seitenbühne die Erwartungen nur bedingt erfüllen. Trotz ihres unbestrittenen Könnens und des engagierten Einsatzes ihrer Mitmusiker wollte der Auftritt nicht recht in Schwung kommen. Die Musik wirkte gebremst, die erhoffte Dynamik stellte sich nur phasenweise ein. Auch die Wahl der Seitenbühne erwies sich als wenig glücklich.

Clubatmosphäre, kolumbianische Rhythmen und norwegisches Vollgas
Einen atmosphärisch reizvollen Kontrapunkt zum Haus der Berliner Festspiele bot der traditionsreiche Jazzclub A-Trane. Dicht gedrängte Reihen, eine beinahe familiäre Atmosphäre und angeregte Gespräche in den Konzertpausen machten den Besuch zu einem besonderen Erlebnis.

Mit dem kolumbianisch-französischen Quartett ¡ Ya voy ! stand eine Formation auf der Bühne, die südamerikanische Folklore mit zeitgenössischer Improvisationsmusik verband. Sängerin Alejandra Charry und Perkussionist Moises Zamora Mezù brachten die Traditionen der kolumbianischen Pazifikküste ein, während Saxofonistin Sakina Abdou und Kontrabassist Thibault Cellier improvisatorische Akzente setzten. Allerdings gelang die Verbindung dieser Ansätze nicht durchgehend. Manche Übergänge wirkten derart unvermittelt, als würden zwei verschiedene Bands auf der Bühne stehen. Ihre stärksten Momente erreichte die Gruppe, wenn folkloristische Rhythmen und freie Improvisation zu einer gemeinsamen Sprache fanden. Dann entwickelten sich Groove und Herzblut, die den kleinen Club regelrecht zum Beben brachten. Auf dem aktuellen Album Miraflores (enja/Yellowbird) wird diese Verbindung besonders gelobt. Live gelang der anspruchsvolle Brückenschlag nur phasenweise.

Im legendären Quasimodo ging bei Ingebrigt Håker Flatens (Exit) Knarr vom ersten Moment an die Post ab. Hier hieß die Devise schlichtweg Vollgas. Die Musik bewegte sich im kraftvollen Post-Bop mit Anleihen aus Free Jazz und Jazzrock. Der norwegische Kontrabassist war mit seiner ausdrucksstarken Mimik, seinem körperbetonten Spiel und seiner schier unerschöpflichen Energie eine prägende Figur. Die Band entwickelte eine enorme Wucht, die dem Publikum kaum Gelegenheit zum Durchatmen gab. Ein kompromissloser Auftritt, wie geschaffen für die intensive Clubatmosphäre des Quasimodo.
Ein Trio wie aus einem Guss
Am Festivalsonntag sorgte das Trio Georg Graewe / Brad Jones / Hamid Drake für einen weiteren Glanzpunkt. Hier stimmte einfach alles: Spielfreude, höchste Konzentration und ein bemerkenswert harmonisches Zusammenspiel. Die drei Musiker agierten mit großer Sensibilität füreinander, griffen musikalische Impulse auf und entwickelten daraus einen ungemein flüssigen, organischen Dialog. Ein Trio, das mit seiner unaufgeregten Souveränität begeisterte. Chapeau!

Im A-Trane gastierte mit Twin Talk erstmals ein Trio aus Chicago in Berlin, das zugleich sein Europadebüt gab. Tenorsaxofonist Dustin Laurenzi, Kontrabassistin und Sängerin Katie Ernst sowie Schlagzeuger Andrew Green widmen sich einem modernen, melodiebetonten Kammerjazz, der Raum für freie Improvisationen lässt und gelegentlich Anklänge an Pop erkennen lässt. Die drei Musiker präsentierten sich als bestens eingespieltes Kollektiv, das mit musikalischer Frische, spürbarem Engagement und einer angenehm unaufgeregten Spielweise punktete. Eine sympathische Vorstellung, die den Reiz des intimen Clubrahmens unterstrich.



Twin Talk: Das Trio aus Chicago überzeugte bei seinem Europadebüt im A-Trane mit frischem, melodiebetontem Kammerjazz. Fotos: Höpfl
Globe Unity – Sechs Jahrzehnte Free-Jazz-Geschichte
Ein besonderer historischer Akzent war dem Globe Unity Orchestra unter der Leitung von Alexander von Schlippenbach vorbehalten. 60 Jahre nach seinem legendären Debüt bei den Berliner Jazztagen 1966 kehrte das Orchester an den Ort seiner Anfänge zurück. Ein Hauch Nostalgie schwang dabei durchaus mit. Für das heutige Publikum bot sich die seltene Gelegenheit, unmittelbar zu erleben, wie radikal und aufregend diese Musik in ihrer Entstehungszeit geklungen haben muss.

Jede Epoche hat ihre musikalischen Strömungen, doch der europäische Free Jazz, den das Globe Unity Orchestra entscheidend mitprägte, hat bis heute seine Wirkung bewahrt. Beim vorausgegangenen Artist Talk erinnerte sich Schlippenbach an die Anfänge: „Es klang wie die Geburtswehen einer neuen Sprache.“ Eine treffende Beschreibung jener Aufbruchsstimmung, die damals für heftige Kontroversen sorgte. Das großartig aufspielende Orchester demonstrierte eindrucksvoll, dass diese Musik auch sechs Jahrzehnte später noch etwas zu sagen hat. Der begeisterte Jubel des Publikums bildete einen würdigen Höhepunkt des letzten Festivaltages.
Die unsichtbaren Gitarristen im Quasimodo
Den tatsächlichen Schlusspunkt des Jazzfest Berlin setzte im restlos überfüllten Quasimodo das Quartett Ches Smith: Clone Row. Mit Mary Halvorson und Liberty Ellman an den Gitarren sowie Nick Dunston am Kontrabass war die Formation prominent besetzt. Stilistisch bewegte sich die Band im Grenzbereich von experimentellem Jazz, Fusion und rockbetonten Grooves.
Der enorme Publikumsandrang sorgte allerdings für eine unfreiwillig komische Situation: Von Mary Halvorson und ihrem Gitarrenkollegen Liberty Ellman war im dicht gedrängten Kellerlokal schlichtweg nichts zu sehen. Die beiden spielten nämlich im Sitzen, während ihre Kollegen standen und zumindest gelegentlich über die Köpfe des Publikums hinausragten. Zu überhören waren die beiden Gitarristen freilich keineswegs – schon gar nicht, wenn sie richtig loslegten! So wurde das letzte Konzert des Festivals zu einem Erlebnis, bei dem man sich die Gitarristen eben vorstellen musste.

Die stärksten Momente des Jazzfest Berlin 2026 gehörten jenen Musikern, die mit künstlerischer Eigenständigkeit, Experimentierfreude und unmittelbarer Spielfreude begeisterten. Anthony Braxton und das Globe Unity Orchestra bewiesen, dass musikalische Visionen auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Mit Immanuel Wilkins, Otomo Yoshihide und dem Trio Georg Graewe / Brad Jones / Hamid Drake standen weitere herausragende Vertreter ganz unterschiedlicher Jazzströmungen auf der Bühne. Ein Festival mit großen Momenten, manchen Fragezeichen und reichlich Gesprächsstoff.
