Contemporary Jazz ist längst kein klar umrissenes Genre mehr, sondern ein offenes Feld musikalischer Begegnungen. Wie Programmleiter Otmar Klammer bei der Eröffnung sinngemäß betonte, zeigt das Internationale Jazzfestival Leibnitz diese Musik in all ihren Facetten: Dort treffen Tradition und Avantgarde, Komposition und freie Improvisation ebenso aufeinander wie Jazz, Neue Musik, Folk, Rock und Elektronik. Bei der 14. Ausgabe unter dem Motto „4 Tage Jazz & Wein“ wurde diese stilistische Weite hörbar: vom coolen Groove über orchestrale Grenzgänge und radikale Monk-Deutungen bis zu afro-kubanischem Feuer und Chamber Rock.
Überraschungen im Weinkeller

Den Eröffnungsabend im Weinkeller von Schloss Seggau bestritt zunächst das Trio HAEZZ. Die Vorarlberger Martin Eberle (Trompete) und Tobias Vedovelli (Bass) bilden zusammen mit dem tschechischen Tenorsaxofonisten Stepan Flagar eine ungewöhnliche Formation. Flankiert von den beiden Bläsern hatte Vedovelli viel zu tun, weil ein klassisches Rhythmusinstrument fehlt. Musikalisch reichte das Spektrum von kammermusikalischen Passagen bis zu polyphonen Strukturen mit schönen, freien Läufen aller drei, die immer wieder zusammenfanden. Spaß hatten sie nicht nur beim Spielen, sondern offensichtlich auch bei der Vergabe der Stücktitel. So etwa bei „Cello Suite“, das ohne einen einzigen Strich auf einem Bogen auskam. Ein gelungener Einstieg in das Festival.

Etwas experimenteller wurde es im zweiten Set des Abends. Bandleader Kirk Knuffke spielt das im Jazz eher selten eingesetzte Kornett. Sein aktuelles Album „Window“ stellte er mit seinem Stammtrio – Stomu Takeishi am Bass und Bent Clausen am Schlagzeug – sowie Charles Burnham an der Violine vor. Die erste Überraschung war eine Version von Sun Ras „Love in Outer Space“, bei der Knuffke und Burnham ein überaus witziges und einfallsreiches Gesangsduo abgaben. Solistisch überzeugten Knuffke mit spielerischer Virtuosität und Burnham, den man durchaus als Zauberer auf seinem Instrument bezeichnen kann. Bent Clausen gehört zu jenen Schlagzeugern, die sich zurückhalten und dennoch den Sound prägen. Stomu Takeishi brachte eine Art Minibass mit und setzte dem mit spürbarer Spielfreude absolvierten Auftritt noch das Tüpfelchen auf das i. Zusammengefasst: ein „theater of surprise“.
Ein Quartett auf Dauerhöchstlevel
Am zweiten Festivaltag übersiedelte man traditionell ins Kulturzentrum Leibnitz, in den Hugo-Wolf-Saal. Dort stand zunächst Sonic Organism & Greg Osby bereit. Hinter dem Projekt steckt der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz, der immer wieder internationale Musiker aus unterschiedlichen Genres zusammenbringt. Diesmal trat er mit dem portugiesischen Akkordeonisten João Barradas, dem französischen Bassisten François Moutin und einem der prägendsten Altsaxofonisten des Modern Jazz, Greg Osby, an. Dem Publikum wurde ein echter Leckerbissen geboten: ein fließender, innovativer Quartettsound. Keiner der vier wollte sich mit Soli in den Vordergrund spielen; stattdessen herrschte ein ständiges Miteinander auf Dauerhöchstlevel. Greg Osby fügte sich mit außergewöhnlichem Timing in den Gruppenklang ein, Moutin lieferte ein höchst energetisches Bassspiel, dazu kam das wunderbare Zusammenspiel von Akkordeon und Schlagzeug. Und dieser Wunderwuzzi Florian Arbenz war ein echtes Bollwerk, das seine Energie voll nach außen strahlte. Die sich stetig aufbauenden Strukturen der Stücke breiteten sich mit Fortdauer immer weiter aus und drangen geradezu in die Gehörgänge ein – mit ein Grund, warum dieses Konzert zu den Höhepunkten des Festivals zählte.

Im Anschluss folgte das elfköpfige Andromeda Mega Express Orchestra aus Deutschland unter der Leitung von Daniel Glatzel. Eine ungewöhnliche Besetzung mit gleich drei Querflöten, einer Harfe und einer Vielzahl weiterer Instrumente weckte Neugier. Allerdings ging in den stark durcharrangierten, durchwegs langen Stücken etwas Pep verloren, auch wenn immer wieder spannende Passagen aufblitzten – vor allem dann, wenn die Solisten ihre Freiheit bekamen. Einige Nummern waren wie klassische Symphonien aufgebaut; Kenner erkannten darin auch Anklänge an Hermeto Pascoal. Die Zugabe „Kali Kali“ sorgte schließlich für einen knusprigen Abschluss.
Monk bleibt Kult

Die anschließende Übersiedlung ins nahe gelegene Alte Kino brachte jene großen Momente, in denen man einfach froh war, dabei gewesen zu sein. Es spielte Alexander von Schlippenbachs legendäres Quintett Monk’s Casino, das das musikalische Erbe Thelonious Monks noch einmal auf die Bühne brachte. Zur Erinnerung: 2005 erschien die in zwei Sessions im Berliner Klub A-Trane live eingespielte 3-CD-Box „Monk’s Casino“ bei Intakt Records. 2021 folgte bei Two Nineteen Records ein weiterer Live-Mitschnitt des Monk-Programms. Mit welcher Spielfreude diese „alten Haudegen“ in Leibnitz auftraten, war schwer zu übertreffen. Axel Dörner an der Trompete und Rudi Mahall an der Bassklarinette lieferten sich ein witziges Duell, allerdings im besten Sinn des Miteinanders; Jan Roder am Bass und Kasper Tom am Schlagzeug hatten ebenso sichtbar Spaß. Alexander von Schlippenbach, der sich zu Beginn mit einem Stock zum Klavier bewegte, ließ sich im Spielfluss seine inzwischen 88 Jahre nicht anmerken und war Antreiber wie Begleiter. Rudi Mahall, fesch im Sakko und mit bunter Krawatte, war überhaupt nicht zu halten und wollte gar nicht mehr aufhören. Wie lässig dieses Quintett Monk interpretiert, hat nichts mit Abklatsch zu tun – das ist Kult.
Drei Bässe ohne Rollenverteilung
Hinter Triple Double – einem eigens für dieses Festival gewählten Namen – standen drei Kontrabassisten: die Schweden Anders Jormin und Thomas Markusson sowie der Däne Morten Toftgaard Ramsbøl. Mit seiner Aussage „Drei Kontrabassisten, das gab es noch nie“ hatte Jormin zwar ein wenig übertrieben, man musste aber schon suchen, um Ähnliches zu finden.



Da gab es etwa Barre Phillips’ Einspielung „For All It Is“ mit drei weiteren Bassisten und einem Perkussionisten (JAPO, 1971). Ganz so frei wie Phillips damals agierte dieses Trio in Leibnitz nicht. Manche im Publikum werden sich vorab gefragt haben: Wer gibt den Takt vor, wer übernimmt die Melodie? Tatsächlich gab es diese Aufteilung nicht. Erstaunlich und so kaum zu erwarten war, wie zwei oder alle drei gleichzeitig solierten, während der Puls ganz selbstverständlich mitlief – fein und unaufgeregt. Nach dem ruhigen, sehr sophisticated Auftakt mit „Lighttower“, einem Stück, das die dunkle Welt der nordischen Hemisphäre widerspiegelt, folgte eine vielseitige Auswahl: Musik des argentinischen Komponisten Ariel Ramírez ebenso wie Interpretationen von Wayne Shorters „Nefertiti“ und „Footprints“. Drei Kontrabassisten spielen Stücke eines Saxofonisten – das erfordert Mut und natürlich das entsprechende Feeling. Die Österreichpremiere des Kontrabasstrios ist gelungen.
Klangfarben und kubanisches Feuer
Auch das anschließende KOKO Trio setzte auf eine ungewöhnliche Besetzung: Taiko Saito an Marimba und Xylofon, Niko Meinhold am Piano und Moritz Baumgärtner am Schlagzeug.

Der erste Teil des Konzerts war von Improvisation geprägt, unterbrochen nur von einer überraschenden, fast Progrock-artigen Nummer, die von einer tief gestimmten japanischen Trommel zusätzlich angetrieben wurde. Saito war hier mit kräftigen Schlägen ganz in ihrem Element. Besonders das Zusammenspiel von Marimba und Klavier brachte immer wieder wunderbare Klangschöpfungen hervor. Der zweite Teil geriet etwas melodischer, blieb aber teilweise von Minimal Music beeinflusst. Ein starkes Konzert, in dem Jazz, zeitgenössische Musik und Improvisation ineinander übergingen.

Das Abschlusskonzert des Samstags war von reiner Spielfreude geprägt. Das Trio um den Pianisten Ramón Valle Sánchez brachte intensiven Mainstream-Jazz mit afro-kubanischem Einschlag und klassischen Elementen auf die Bühne; auch eine gehörige Portion Swing war zu hören. Als Gast hatte Valle die aus Utrecht stammende Maite Hontelé mitgebracht, die das Trio am Flügelhorn mit viel Einfühlungsvermögen ergänzte.

Unbedingt erwähnt werden muss auch der kraftvolle Auftritt des schon durch seine Körpergröße, vor allem aber durch seinen enorm druckvollen Anschlag auffallenden Schlagzeugers Rodney Barreto, der für sein Solo heftig umjubelt wurde. Dieses Trio um den ausdrucksstarken Ramón Valle sollte man live erlebt haben: Partymusik auf höchstem Niveau.
Premiere im Schloss Ottersbach
Für die traditionelle Sonntagsmatinee betrat das Jazzfestival diesmal neues Terrain. Seit 2015 hatte das Weingartenhotel Harkamp den stimmungsvollen Rahmen für den Open-Air-Abschluss gebildet; nun führte der Weg erstmals in den historischen Park von Schloss Ottersbach bei Großklein. Nach einiger Suche fand Festivalorganisatorin Isabella Holzmann in der Familie Abel den passenden Partner. Die Familie besitzt das spätbarocke Anwesen seit 1925; Christian Abel und sein Sohn Florian führen es heute als Familienbetrieb und öffnen Schloss und Park regelmäßig für Konzerte, Ausstellungen und Kabarett. Hier trafen also zwei Seiten aufeinander, denen anspruchsvolle Kultur in besonderem Ambiente ein Anliegen ist.


Den musikalischen Schlusspunkt setzte Vincent Peirani mit seinem Quintett Living Being. Im ersten Set ging die Band mit Nachdruck und durchaus rockig zur Sache; Tony Paeleman setzte am Fender Rhodes markante Akzente, während Peiranis Akkordeon das verbindende Zentrum bildete.

Im zweiten Set wechselte Paeleman zum akustischen Piano und brachte damit eine neue, lyrischere Farbe ins Spiel. Gefühlvolle, zarte und melodische Passagen standen nun neben vehementen Ausbrüchen. Besonders eindrucksvoll geriet die lang angelegte „Bremain Suite“, in der „Under Pressure“ von Queen und David Bowie, Portisheads „Glory Box“ und „I Want You (She’s So Heavy)“ von den Beatles zu einem organischen Ganzen verschmolzen. Julien Herné und Yoann Serra sorgten für eine druckvolle rhythmische Basis, über der Émile Parisien am Sopransaxofon sein freies, bewegliches Spiel entfaltete – ein kraftvoller und zugleich fein ausgehörter Festivalabschluss.
Das Jazzfestival Leibnitz feiert im kommenden Jahr sein 15-jähriges Jubiläum und findet von Donnerstag, 30. September, bis Sonntag, 3. Oktober statt. Nähere Infos: jazzfestivalleibnitz.at
Arnold Loimer / Herbert Höpfl
Fotos: Herbert Höpfl und Peter Purgar
