Rückblick Jazzfestival Chur, 2. bis bis 6. September 2026

Fünf Tage, 17 Formationen und Projekte und ein Programm, das sich kaum um stilistische Schubladen kümmerte: Das JazzChurFestival zeigte bei seiner siebten Ausgabe einmal mehr, dass sich auch abseits der großen Metropolen ein eigenständiges Festivalprofil entwickeln lässt. Hinter JazzChur steht ein engagierter Verein, dessen Aktivitäten längst weit über diese fünf Tage hinausreichen.
Für das Festival zeichneten Anna Bläsi, Luca Sisera und Rolf Caflisch für die Programmierung verantwortlich. Dabei ging es weniger um große Namen als um eine Mischung aus etablierten Musikern, jungen Positionen und Projekten, bei denen Improvisation und musikalisches Risiko tatsächlich eine Rolle spielen.

Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Postremise. Das ehemalige Postkutschen-Depot bietet mit seinem historischen Ambiente einen außergewöhnlichen Rahmen und schafft jene Nähe zwischen Bühne, Musikern und Publikum, die einem Festival dieser Größenordnung ausgesprochen guttut. Vieles wirkt familiär und unkompliziert, ohne deshalb provinziell zu sein. Gerade diese Kombination aus internationalem Programm und überschaubarem Rahmen gehört zu den Stärken von JazzChur.

Von Kuba bis zur harten Kost
Für einen entsprechend temperamentvollen Auftakt sorgte die Schweizer Pianistin Manon Mullener. Eine Powerfrau am Klavier, deren energiegeladenes Spiel bisweilen an Rubén González und die kubanische Jazztradition erinnerte. Saxofon und Posaune ergänzten sich hervorragend und sorgten für zusätzliche Farben, während Bass und Schlagzeug das rhythmische Fundament ausgesprochen cool zusammenhielten.

Das völlige Kontrastprogramm lieferten anschließend Myslaure & David Augustin. Ein langer französischer Sprechdialog rund um ein Wortspiel mit „bonsoir“ führte in eine spröde, fragmentierte Klangwelt. Das Klavier wurde perkussiv und mit abrupten Brüchen eingesetzt, dazwischen setzte das Cello kurze Tonfragmente und Einwürfe. Harte Kost, der nicht alle Besucher bis zum Ende folgen wollten. Musikalisch und vom Anspruch her war das Duo dennoch der stärkste Beitrag des ersten Tages.

Locker und teilweise durchaus poppig ging es mit der jungen Schweizer Posaunistin Gloria Ryter weiter. Mit ihrer Band legte sie eine ambitionierte und selbstbewusste Performance hin. Phasenweise hätte man sich vielleicht ein paar Ecken und Kanten mehr gewünscht, wenn die Musik etwas zu brav geriet. Der spürbare Enthusiasmus und die große Spielfreude machten das jedoch wett und lassen noch einiges von Gloria Ryter erwarten.
Improvisation und Klangforschung
Äußerst feinfühlig gingen am Donnerstag Evi Filippou und Robert Lucaciu aufeinander ein. Vibrafon und Bass fanden in einem fließenden, improvisatorischen Dialog zusammen, bei dem kaum zwischen Begleitung und Führung zu unterscheiden war. Alles schien sich unmittelbar aus dem Moment heraus zu entwickeln. Bei einem Stück setzte Filippou zudem ihre Stimme ein und erweiterte damit nochmals das Klangspektrum des Duos.

Sheldon Suter erweiterte sein Schlagzeug um unterschiedlichste Klangobjekte und eine Art elektrische Zither, die er auch mit dem Geigenbogen bearbeitete. Tüftelnd und experimentierend entlockte er seinem Instrumentarium ungewöhnliche Klänge, die bis zu aufgeheizten Zither-Sounds reichten. Ob das Ergebnis über das Interessante hinausging, musste wohl jeder für sich entscheiden. Spannend zum Zuschauen war es allemal.

Ein seit vielen Jahren perfekt eingespieltes Quartett stand anschließend mit Nicolas Masson, Colin Vallon, Patrice Moret und Lionel Friedli auf der Bühne. Die auch bei ECM erfolgreiche Formation überzeugte durch ihr ungemein geschlossenes Zusammenspiel, wobei vor allem der großartige Pianist Colin Vallon und Nicolas Masson am Saxofon die Performance prägten. Ein Auftritt von großer Souveränität und musikalischer Dichte – und zweifellos eines der Highlights des Abends.

Wenn es ordentlich Druck macht
Das Sheen Trio präsentierte sich am Freitag ausgesprochen abwechslungsreich. Besonders die rockiger angehauchten Passagen sorgten für ordentlich Druck und ließen das Trio förmlich beben. Shabnam Parvaresh, Ula Martyn-Ellis und Philipp Buck wechselten geschickt zwischen ruhigeren Momenten und kraftvollen Ausbrüchen.


Seit rund 15 Jahren ist Christoph Irniger Pilgrim gemeinsam unterwegs, und das war auf der Bühne deutlich zu spüren. Das Quintett wirkte wie eine kompakte Einheit, besonders stark war das Zusammenspiel von Irniger am Tenorsaxofon und Pianist Stefan Aeby. Eine geschlossene, intensive Performance und eines der Highlights des Festivals.

Auch bei Enemy machte sich die langjährige gemeinsame Erfahrung bemerkbar. Kit Downes prägte mit seinem Klavierspiel den Auftritt, während Petter Eldh am Bass und James Maddren am Schlagzeug für ordentlich Schub sorgten. Trotz aller rhythmischen Raffinesse blieb die Musik unmittelbar und groovte mächtig dahin. Ein Trio, bei dem Präzision und Spielfreude bestens zusammenfanden.

Kompakt und international
International ging es auch am Samstag mit Jure Pukl – Analog AI weiter. Die Mischung aus Musikern unterschiedlicher Nationalitäten sorgte für ein spannendes Amalgam und gleichzeitig erstaunliche Kompaktheit. Contemporary Jazz par excellence, bei dem sich keiner in den Vordergrund drängte: Jure Pukl, John Escreet, Joe Sanders und Christian Lillinger brachten ihre musikalischen Ideen gleichberechtigt ein und formten daraus ein starkes Ganzes.


Nils Kugelmann hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einem der gefragtesten jungen Bassisten der deutschen Jazzszene entwickelt und ist mittlerweile auf zahlreichen Festivals zu erleben. Nicht ohne Grund: Gemeinsam mit Luca Zambito und Sebastian Wolfgruber spricht Kugelmann ein breites Jazzpublikum an, ohne deshalb beim musikalischen Anspruch Abstriche zu machen. Das Trio überzeugte mit großer Geschlossenheit und wusste dabei auch ordentlich zu grooven.


Dass JazzChur nicht erst beim musikalischen Nachwuchs auf der Bühne ansetzt, zeigte der Sonntagvormittag. Beim Mitmachkonzert „Klangwolken“ durften die Kids selbst ran – und machten mit voller Begeisterung davon Gebrauch.
Intensiver Schlusspunkt
Einen würdigen Abschluss fand das Festival schließlich im Foyer der Postremise mit Helene Glüxam. Die anfänglichen Zweifel, ob dieser offene Rahmen genügend Konzentration für das intensive Spiel des österreichischen Rising Stars zulassen würde, erwiesen sich rasch als unbegründet. Glüxam lotete die Möglichkeiten ihres Kontrabasses mit großer Intensität aus und verband dessen tiefen Klang mit ihrer Stimme, die sie mal zurückhaltend, mal eindringlich als zusätzliche Klangfarbe einsetzte. Bass und Stimme verschmolzen dabei zu einer sehr persönlichen musikalischen Sprache.

Damit endeten fünf Tage, in denen JazzChur seinem Motto „Wo Musik etwas riskiert“ durchaus gerecht wurde. Nicht jedes Experiment musste gleichermaßen gefallen – das wäre letztlich auch ein Widerspruch zum eigenen Anspruch. Viel wichtiger war die Offenheit, mit der hier unterschiedliche Generationen, Nationalitäten und musikalische Ansätze aufeinandertrafen. In der Postremise entstand daraus ein Festival, das überschaubar geblieben ist und gerade darin seine Stärke findet: nahe an den Musikern, neugierig und bereit, auch einmal etwas zu wagen.
IM GESPRÄCH
Wie Jazz Chur an sein Festival herangeht, welche Rolle die Postremise dabei spielt und warum Nachwuchs und internationale Vernetzung einen so hohen Stellenwert haben, darüber sprach CONCERTO mit Christian Müller, Vizepräsident von Jazz Chur. → Zum Beitrag
