„Ein Festival muss nicht 100 Prozent gefallen“

Das JazzChurFestival ist längst mehr als ein mehrtägiger Treffpunkt für zeitgenössischen Jazz. Dahinter steht ein Verein, der versucht, Konzertbetrieb, Nachwuchsarbeit, internationale Vernetzung und neue Veranstaltungsformen miteinander zu verbinden. Dass ausgerechnet die Corona-Jahre einen entscheidenden Impuls dafür gaben, gehört zu den ungewöhnlicheren Kapiteln seiner Geschichte. CONCERTO sprach beim JazzChurFestival 2026 mit Christian Müller, Vizepräsident von Jazz Chur und für die Kommunikation des Vereins verantwortlich. Müller war von Beginn an dabei.


Christian Müller, Vizepräsident von Jazz Chur und verantwortlich für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, gehört seit der Vereinsgründung 2019 zum organisatorischen Kern. Beim JazzChurFestival ist er auch auf der Bühne als Moderator präsent

Als während des Lockdowns der reguläre Konzertbetrieb zum Erliegen kam, reagierte Jazz Chur nicht mit Stillstand. Podcasts wurden produziert, ein Online-Festival entstand und Kompositionsaufträge gingen an Musikerinnen und Musiker in ganz Europa. Manche dieser Ideen überlebten die Pandemie: Aus den Kompositionsaufträgen entwickelte sich „Jazz Chur Connects“, der Podcast erscheint weiterhin regelmäßig – und auch das zunächst digitale Festival blieb. Mit den ersten Öffnungen übersiedelte es ins Freie und wurde zum Sommerfestival. Doch bald zeigte sich ein anderes Problem: Im Sommer waren viele Einheimische in den Ferien, während gleichzeitig der organisatorische Aufwand für Open-Air-Veranstaltungen beträchtlich war. Schlossgarten, Gärtnerei und andere Orte in Chur wurden ausprobiert, ehe man sich entschied, das Festival in den Herbst zu verlegen und auf die Postremise zu konzentrieren. Aus dem Sommerfestival wurde schließlich das JazzChurFestival, das 2026 seine siebte Ausgabe erlebte.

Nähe statt Festivalmaschinerie

Die Postremise erwies sich dabei als Glücksgriff. Der Kulturort ist nicht das eigene Haus von Jazz Chur, bietet aber Bühne, Backline und Klavier und wird von unterschiedlichen lokalen Kulturveranstaltern genutzt. Für Müller liegt ihre eigentliche Qualität ohnehin woanders: „Die Postremise ist familiär. So nah an die Musiker kommst du kaum bei einem Festival.“ Wie sehr diese Nähe das Festival prägt, zeigte sich z. B. für ihn bei einer Jam-Session. Nach seinem Auftritt mit Enemy setzte sich Kit Downes ans Klavier und spielte weiter – Seite an Seite mit einem Amateur-Saxofonisten. „Wie geil ist das? Da kriege ich Gänsehaut, wenn ich nur daran denke“, erzählt Müller. Genau solche Situationen seien es, die die Postremise möglich mache. Der überschaubare Rahmen wird damit nicht zum Nachteil gegenüber großen Festivals, sondern Teil des eigenen Profils. Künstler verschwinden nach dem Konzert nicht sofort im Backstagebereich oder Hotel, sondern bleiben vor Ort, treffen Publikum und Kollegen. Die Grenze zwischen Bühne und Festivalgeschehen wird durchlässiger.

1864 als Reithalle und Schauspielhaus erbaut, diente die heutige Postremise später als Abstellort für Postkutschen und schließlich als Werkstätte für Postautos. Seit 2006 hat wieder die Kultur das historische Gebäude übernommen. Heute ist die Postremise ein vielseitiger Veranstaltungsort und während des JazzChurFestivals dessen atmosphärisches Zentrum.
Der große Zuschauerraum der Postremise bietet mit seiner ansteigenden Bestuhlung von jedem Platz gute Sicht auf die Bühne. Unauffällig und platzsparend ist ganz oben der Technikbereich integriert
Mehr als nur Eingangsbereich: Das großzügige Foyer der Postremise mit mobiler Bühne wird während des Festivals selbst zum Spielort und Treffpunkt. Die Getränkebar wird von Mitgliedern des Vereins Jazz Chur betreut.

Drei Handschriften für ein Programm

Auch die Programmgestaltung ist auf mehrere Schultern verteilt. Jazz Chur arbeitet mit einem Kuratorenmodell. Beim Festival übernimmt Anna Bläsi den Bereich „New Generation“ und damit insbesondere junge Formationen. Rolf Caflisch, Präsident von Jazz Chur, konzentriert sich vor allem auf die Schweizer Szene, während Luca Sisera sein internationales Netzwerk einbringt. Vorschläge werden ausgetauscht und diskutiert, entschieden wird gemeinsam. Müller selbst hält sich aus der unmittelbaren Programmierung weitgehend heraus und kümmert sich vor allem um die Kommunikation des Vereins. Dass dabei bewusst unterschiedliche musikalische Welten aufeinandertreffen, gehört zum Konzept. Das Festivalmotto „Wo Musik etwas riskiert“ ist keineswegs nur ein griffiger Slogan. Müller versteht darunter auch den Mut des Publikums, sich auf Musik einzulassen, die es vielleicht noch nicht kennt. „Es gibt viele Leute, die Jazz mögen, aber sie wissen es nicht“, sagt er. Gerade live könne diese Entdeckung stattfinden. Die Dramaturgie der einzelnen Abende folgt diesem Gedanken. Auf energiegeladenen Latin-Jazz kann ein performatives Cello-Klavier-Duo folgen, auf meditative Klangforschung wiederum Groove und Elektronik. Gegensätze sind ausdrücklich erwünscht. „So ein Festivalprogramm muss nicht zu 100 Prozent gefallen. Das geht gar nicht“, bringt Müller diese Haltung auf den Punkt. Ein Festival biete schließlich die Möglichkeit, sich auf engem Raum auf Unterschiedliches einzulassen – oder eben zwischendurch einmal eine Pause einzulegen.

Grenzüberschreitender Austausch

Eine wichtige Rolle spielt für Jazz Chur die Vernetzung über die Schweizer Grenzen hinaus. Gerade der Austausch mit Deutschland und Österreich ist im Festivalprogramm deutlich sichtbar. Müller sieht hier bereits funktionierende Verbindungen, gleichzeitig aber noch reichlich Potenzial. Besonders im Raum Ostschweiz, Bodensee und Vorarlberg seien die Kontakte eng, ebenso bestehen Verbindungen nach Süddeutschland. Auch Österreich ist längst keine unbekannte Größe. Müller nennt Helene Glüxam, die 2026 den Abschluss des Festivals bestritt, ebenso wie Shake Stew, Lia Pale und Mathias Rüegg. Solche Beziehungen entstehen allerdings nicht von selbst: „Es ist also ein permanentes Dranbleiben.“ Geholfen hat dabei die zunehmende Internationalisierung der Musikhochschulen. Junge Musiker studieren in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland, lernen einander kennen und gründen grenzüberschreitende Formationen. Dadurch seien Sichtbarkeit und Austausch wesentlich besser geworden, auch wenn Tourneen weiterhin an Geld, Logistik und administrativem Aufwand scheitern können.

Nicht nur die Bühne verjüngen

Nachwuchsförderung bedeutet für Jazz Chur allerdings mehr, als jungen Bands einen Platz im Festivalprogramm zu geben. Müller spricht davon, junge Musiker früh an den Verein heranzuführen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie sollen nicht zur Seite treten müssen, sobald ein bekannter Name auftaucht. Genau diese Haltung habe sich in der Schweizer Szene herumgesprochen. Das gilt auch hinter der Bühne. „Junge Musikerinnen und Musiker werden in Organisation und Vereinsarbeit eingebunden“. Für Müller ist das eine Frage der Zukunftsfähigkeit. Viele Jazzclubs hätten ein ähnliches Problem: Die engagierten Menschen dahinter werden gemeinsam älter – und irgendwann sperrt der Club zu. Jazz Chur versucht einen anderen Weg. 2019 entstand ein Dachverein, der die Jazzanbieter vor Ort zusammenführt. Bemerkenswert dabei: Der Verein besteht laut Müller aus Musikern beziehungsweise Menschen mit musikalischer Ausbildung. Auch die nächste Generation wird früh eingebunden. „Wir stehen alle selbst auch auf der Bühne“, sagt er. Diese Durchlässigkeit zwischen Veranstaltern, Musikern und Nachwuchs zieht sich damit durch nahezu alle Bereiche von Jazz Chur. Sie reicht vom Festival über die Podcasts und Kompositionsaufträge bis zu kleineren Sommerkonzerten, bei denen immer wieder neue Formationen entstehen.

Und vielleicht lässt sich das Selbstverständnis des Vereins tatsächlich am besten mit jener kleinen Szene beschreiben, die Müller am Ende des Gesprächs erzählt: „Dann steht plötzlich der arrivierte Luca am Bass mit der jungen Saxophonistin auf der Bühne. Und ich sitze dazwischen am Piano. Und das ist einfach witzig. So, das ist Jazz Chur.“

Interview, Artikel und Fotos: Herbert Höpfl

JAZZCHUR ZUM NACHHÖREN

Der JazzPodcast von Jazz Chur erscheint alle 14 Tage und erweitert die Aktivitäten des Vereins weit über die Konzertbühne hinaus. In Palaver stehen Gespräche über Jazz, Kultur und die Menschen dahinter im Mittelpunkt, Jazz? Läuft! präsentiert aktuellen Jazz und improvisierte Musik aus der Schweiz. JazzChur_conex wiederum bringt Musiker:innen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturregionen für eigens entwickelte Duos und neue Kompositionen zusammen. Kuratiert und produziert wird der Podcast von Christian Müller.

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